Zum 01. Juni



Wer liebhat, der ist von Gott geboren. - 1. Joh. 4, 7

So unmöglich es ist, Schnee und Eis zu veranlassen, warm zu werden, so fruchtlos ist es, sich dazu zu zwingen, Gott und den Nächsten recht zu lieben, bevor das Herz umgewandelt ist oder bevor man ein neues Herz erhalten hat, das von selbst liebt. Die Liebe ist eine freie Sache, sie ist Sache des Herzens und kann nicht erzwungen werden. Wie du dich auch zwingen magst zu reden und zu leben, so kannst du doch nicht das Herz zwingen, das zu lieben, was es nicht lieben will. Deshalb ist es auch eine Torheit, einem Herzen, das nicht von neuem geboren ist, von Liebe zu predigen. „Fleischlich gesinnt sein ist eine Feindschaft wider Gott, da das Fleisch dem Gesetz Gottes nicht untertan ist, denn es vermag es auch nicht.“ Alle Liebe, die man vor der Neugeburt zu Gott zu haben wähnt, ist eingebildet, eigennützig und eingeschränkt. Prüfen wir uns! Du liebst Gott nur, wenn Er das tut und redet, was dir gefällt. Wenn Er dich aber auf die Probe stellt oder dir etwas befiehlt, was du nicht willst, dann murrst du gegen Ihn und klagst Gottes Gebote der Strenge an. Ebenso liebst du deinen Nächsten nicht wie dich selbst; sondern dein eigenes Bestes ist dir immer wichtiger als das seinige.
So sind alle von Natur. Wird dann gefragt, wie man ein neues Herz erhält, das recht liebt, so beachte! Du hast nicht eher eine rechte Liebe zu Gott, bevor Er dir nicht zuerst so viel Liebe erweist, dass dein Herz gleichsam von Seiner Liebeswärme zerschmolzen wird. Du kannst nicht damit anfangen, Ihm Liebe zu schenken, sondern du musst damit anfangen, von Ihm Liebe anzunehmen, wie der Apostel Johannes sagt: „Darin steht die Liebe, nicht, dass wir Gott geliebt haben, sondern dass Er uns geliebt hat.“ Und Jesus spricht: „Ihr habt Mich nicht erwählt, sondern Ich habe euch erwählt.“ — Nun gibt es aber keine Liebe Gottes, die dein ganzes Wesen zerschmilzt und umwandelt außer der, die dein ganzes Wesen umfasst und selig macht. Es ist die Liebe, die das Leben für Zeit und Ewigkeit betrifft, nämlich deine Begnadigung bei Gott, die Vergebung der Sünden und deine selige Annahme zum Kinde Gottes.
Davon redet der Herr bei dem Pharisäer Simon. Eine große Sünderin kommt herein, fällt Ihm zu Füßen, netzt sie mit ihren Tränen und trocknet sie mit den Haaren. Der Pharisäer wundert sich darüber; aber Jesus erklärt die Sache: „Es hatte ein Gläubiger zwei Schuldner. Einer war fünfhundert Groschen schuldig, der andere fünfzig. Da sie aber nicht hatten zu bezahlen, schenkte er es beiden. Sage an, Simon, welcher unter denen wird diesen gnädigen Herrn am meisten lieben?“ „Dem er am meisten geschenkt hat“, war die Antwort; und Jesus fügt hinzu: „Du hast recht gerichtet; dieser Frau sind viele Sünden vergeben, darum liebt sie viel.“ Erkennen wir hier nicht die Bedeutung der Worte des Apostels: „Wo die Sünde mächtig geworden ist, da ist doch die Gnade viel mächtiger geworden.“? Je mehr Gesetz im Gewissen, umso mehr stürmen die Sünden und umso mehr werden sie gefühlt. Je mehr Sünden gefühlt werden, umso größer wird die Gnade, wenn sie vergeben werden. Und je mehr Gnade du empfängst, umso größer werden deine Liebe, Dankbarkeit und Freude. Es ist die Regierungsordnung des neuen Bundes, dass Gott, der uns befahl, unsere Feinde zu lieben und durch Wohltaten feurige Kohlen auf ihr Haupt zu sammeln, dasselbe uns gegenüber auch tut. Er zerschmilzt und überwindet uns mit der überströmenden Gnade. Und erst jetzt fängst du an, Gott wieder zu lieben. Jetzt wird auch dein Herz so umgewandelt, dass du alle Menschen mit einer ganz neuen Liebe liebst. Denn Gottes Liebe ist durch Seinen Geist, der dir gegeben ist, in dein Herz ausgegossen.
Diese Liebe zum Nächsten ist eine doppelte, nämlich die allgemeine und die brüderliche Liebe. Mit der allgemeinen Liebe liebst du alle Menschen und tust ihnen wohl, wo immer du kannst und in allen ihren Bedürfnissen. Diese Liebe setzt keine Vertraulichkeit, keine Freundschaft voraus; denn sie erfordert keine andere Bedingung, als dass es ein Mensch ist. Von dieser Liebe sagt Jesus: „Liebet eure Feinde, tut wohl denen, die euch hassen“ usw. Es ist sehr wichtig, dies zu beachten, wenn du ein Christ sein willst, so dass du nicht nur die liebst, die deine Freunde sind und dir wohltun. Darüber hinaus aber gebührt es dir zu bedenken, dass sie Menschenblut haben wie du, von demselben Vater im Himmel und von demselben Stammvater auf Erden abstammen wie du und mit demselben teuren Blut erlöst sind wie du. Es wäre dir eine große Aufmunterung zur Liebe, wenn du beim Anblick eines Hilfsbedürftigen dächtest: „Das ist mein Bruder, meine Schwester“; denn nach dem Fleische sind wir ja alle Brüder.
Die andere Art christlicher Liebe ist die brüderliche. Durch sie sind alle Kinder Gottes in der Welt als gegenseitige Brüder durch ein seliges, inniges und vertrauliches Geschwisterband verbunden. Diese Bruderschaft kennt keine Grenzen verschiedener Kirchenbekenntnisse, Formen und Orte, verschiedener Stände und Lebensbedingungen, sondern blickt auf etwas, was sich überall vorfindet, wo Christus gepredigt wird, nämlich: „Gottes Kinder, aus Gott geboren“. Denn der Grund dieser brüderlichen Liebe ist dieser: „Wer da liebt den, der ihn geboren hat, der liebt auch den, der von Ihm geboren ist.“ Und hier ist die Ursache, weshalb Jesus gerade diese Liebe als das Zeichen Seiner rechten „Jünger“ angab, als Er sprach: „Dabei wird jedermann erkennen, dass ihr Meine Jünger seid, so ihr Liebe untereinander habt.“ Denn alles andere können Heuchler nachahmen, nicht aber diese Liebe untereinander, die nach denjenigen sieht, die aus Gott geboren sind.
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Diese Tagesandacht stammt aus dem „Täglichen Seelenbrot“ von Carl Olof Rosenius. Die Andachten des gesamten Jahres sind in Buchform hier erhältlich.


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