Zum 16. Juli



Unser tägliches Brot gib uns heute! - Matth. 6, 11

Das Wort, das hier mit „täglich“ übersetzt wurde, ist im Grundtext ein doppelsinniges und dunkles Wort; alle Auslegungen aber stimmen doch darin überein, dass es etwas für unser Wesen Notwendiges bedeutet, nicht, was immer das Herz begehren mag, sondern das Notwendige; es bedeutet eigentlich das, „was zur Erhaltung unseres Wesens gehört“. — Wir fragen jetzt den, der „mit Gott rechten“ will: „Hast du nicht bis auf den heutigen Tag alles empfangen, was zur Erhaltung deines Wesens notwendig war? Und wenn du nicht alles nach der Berechnung, die du dir über deinen irdischen Lebensweg machtest, empfangen hast, so hast du doch alles bekommen, was dir am heilsamsten ist. Oder weißt du, wie viel Züchtigung durch Armut und Sorge du für das ewige Wohl deiner Seele nötig hast?“
Doch hier könnte uns ein Christ, der nicht nur arm, sondern auch verschuldet ist, antworten: Es gibt einen anderen Umstand, dem gegenüber alle Armut ein Nichts ist, nämlich dass ich den Menschen schuldig werde und vielleicht nicht einem jeden das Seine zurückerstatten kann, so dass ich „im Munde des Lästerers ein Lied zur Schmach des Evangeliums werden könnte“. Antwort: Sofern du nicht eine besondere Neigung zum Hochmut hast, die einer Demütigung bedarf, und sofern du nicht „den Herrn versuchst“ entweder durch Versäumnis und Leichtsinn oder durch Eitelkeit und Verschwendung Seiner Gaben, sondern dafür ordentlich, demütig, fleißig und treu in deinem Beruf bist und in einfältigem Glauben diese Bitte betest, dann hast du alle Verheißungen und Versicherungen des Herrn dafür, dass Er dir soviel geben wird, dass du nicht als Betrüger zuschanden zu werden brauchst, sondern jedem das Seine wirst zurückerstatten können. Nur der Umstand, dass wir den Herrn mit Leichtsinn und Üppigkeit versuchen oder auch in Hochmut leben, kann jene bittere Erfahrung über einen Christen bringen, die so unendlich viel schwerer als alle Armut ist. Was ferner das betrifft, dass manches Kind Gottes aus Gründen einer Krankheit oder wegen anderer Umstände sich nicht immer selber versorgen kann, sondern sich an die Barmherzigkeit der Brüder wenden muss, so ist dies für unsere stolze Natur demütigend. Es gehört aber für eine gewisse Zeit auch zur Erziehung des Herrn mit Seinen Kindern, bis sie genügend zubereitet sind, um einige Gaben Gottes ertragen zu können; und es muss stets mit Gottesfurcht und demütiger Unterwerfung vor dem Herrn, dem allein weisen und allmächtigen Vater, betrachtet werden, dessen rechte Hand alles ändern kann.
Die vierte Bitte enthält aber auch eine Lehre für die Glücklichen, die nichts von der Sorge um ihr Auskommen wissen und scheinbar der Bitte um das tägliche Brot nicht bedürfen. Es sind zwei Wörter, die wir besonders bedenken sollten, zwei Wörter, die ein und dasselbe andeuten: „unser“ und „uns“. Haben wir Christi Sinn, dann müssten wir diese Worte bedenken. Er sagt nicht: „Gib mir mein täglich Brot“, sondern Er sagt: „Unser täglich Brot gib uns.“ Meinst du, dass Gott dir so vieles Gute gibt, damit du nur nach deinem Gefallen davon leben oder damit du nur Schätze für deine Kinder ansammeln sollst? Wie spricht der Herr? „Tue Rechnung von deinem Haushalten; denn du kannst hinfort nicht mehr Haushalter sein.“
Hast du jemals darüber nachgedacht, weshalb Gott hier auf Erden so ungleich austeilt, so dass einer so reich ist, ein anderer aber so arm ist, dass er auch das Notwendige nicht hat? Das Geheimnis dieser wundersamen und ungleichen Austeilung kann kein anderes sein, als dass wir verschiedene Pflichten haben. Diejenigen, die mehr erhalten haben als sie benötigen, sollen unseres Herrn „Haushalter“ sein, die Seine Gaben für Ihn verwalten sollen. Dann will Er eine Schar Armer sich um sie her lagern lassen, um sie täglich zu prüfen, ob sie als Seine Haushalter Seine Gaben durch das Austeilen ehrlich verwalten wollen, oder ob sie das Pfund in die Erde vergraben und daraus Götzen für sich und ihre Kinder machen wollen. Möchten wir nie vergessen: „Welchem viel gegeben ist, bei dem wird man viel suchen, und welchem viel befohlen (anvertraut) ist, von dem wird man viel fordern.“ Noch immer gilt das königliche Gebot: „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst!“ Vergiss darum nicht, dass es um dich her viele Arme, Kranke, Schwache, Gebrechliche gibt, die allesamt ihre Hände nach Brot ausstrecken. Darum sollst du in dieser Bitte für alle Menschen beten, und nicht denken „mir, mein“, sondern „uns, unser“. Aber du darfst nicht wie ein Schalk beten, so dass du im Gebet „unser“ sagst, sodann aber mit dem, was du empfängst, so handelst, als ob es dein wäre. Wir sind nur Verwalter. Und das sollen wir mit Lust sein, um Christi Liebe willen, so dass Er von dem Guten, das wir taten, sagen kann: „Das habt ihr Mir getan.“
Wenn wir ferner wissen, dass der Ausdruck „täglich Brot“ nicht nur Speise und Kleidung bezeichnet, sondern alles, was zu des Leibes Nahrung und Notdurft gehört, wie Haus und Hof, Geld und Gut, fromm Gemahl, fromme Kinder, fromm Gesinde, fromme und getreue Oberherren, gut Regiment, gut Wetter, Friede, Gesundheit, Zucht, Ehre, gute Freunde, getreue Nachbarn u. desgl., so wird es keinem Christen, der nicht nur sich selber lebt, sondern auch seinen Nächsten liebt, an Veranlassung fehlen, diese Bitte zu beten. Außerdem kann der Herr plötzlich das Gute von dir nehmen, das du jetzt hast, weshalb du stets allen Grund hast, um Seine bewahrende Gnade oder um ein tägliches Geben, ein „täglich Brot“ zu bitten. In dieser Weise seine beständige Abhängigkeit vom Herrn zu fühlen, ist einem Christen sehr heilsam.
I/501

Nimm alle Sorg’ und wirf sie hin
Auf den, der dich gemacht.




Diese Tagesandacht stammt aus dem „Täglichen Seelenbrot“ von Carl Olof Rosenius. Die Andachten des gesamten Jahres sind in Buchform hier erhältlich.


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