Zum 04. Juli



Freund, wie bist du hereingekommen und hast doch kein hochzeitliches Kleid an? - Matth. 22, 12

Christus sagt hier, dass „das Himmelreich“, d. h. Sein Gnadenreich auf Erden, „einer Hochzeit gleich sei, die ein König seinem Sohne machte“. Er lud viele dazu ein, die meisten aber verachteten die Einladung und entschuldigten sich, sie könnten nicht kommen. Der eine war durch seine Hantierung, der andere durch seinen Acker, der dritte dadurch verhindert, dass er sich eine Frau genommen hatte. Doch verachteten nicht alle diese Einladung. Viele nahmen sie an; die Tische wurden alle voll. Aber nun sagt Jesus, dass unter denen, die die Einladung angenommen hatten, zur Hochzeit gekommen waren und an den Tischen saßen, auch ein Mann gefunden wurde, der kein hochzeitliches Kleid anhatte, sondern in seinen Alltagskleidern dasaß, und dass er deshalb an Händen und Füßen gebunden und in die äußerste Finsternis geworfen wurde.
Was meint der Herr damit? Der Mann war doch zur Hochzeit gekommen, gehörte also nicht den ferngebliebenen Verächtern an, sondern saß am Hochzeitstische unter den anderen glücklichen Gästen. Dieses soll sagen: Es gibt Menschen, die das Rufen und die Weckstimmen des Geistes an ihrem Herzen nicht nur erfahren, sondern insofern auch befolgt haben, dass sie angefangen haben, ihre Seligkeit zu suchen. Sie haben ihre früheren eitlen Wege verlassen und sich mit Gläubigen vereinigt im Umgang, in den Sitten und Beobachtungen, im Lesen, Singen und Hören des Wortes Gottes, in Gebeten und Betrachtungen, in einer christlichen Wirksamkeit, kurz: in allem, was besonders zu einer ernsteren Gottesfurcht als der der Masse zu gehören scheint. Jener Mann kann also nicht den großen, sicheren Haufen unter uns bezeichnen; denn wo hätten wir dann diejenigen, die die Einladung erhielten, aber nicht kamen? Die Heiden, die das Wort nicht haben, haben ja auch die Einladung nicht. Wir sehen also, dass dieser Mann ein religiöser Mensch war, der eine religiöse Schar in der Gemeinde der Christgläubigen darstellt, da er sich im Hochzeitssaal befand und die Einladung nicht verachtet hatte. Und doch fehlt diesen Menschen etwas so Wesentliches, dass sie in die äußerste Finsternis hinausgeworfen werden.
Ganz dasselbe wie dieser Mann stellen auch die fünf Jungfrauen bei der Hochzeit dar, die kein Öl in ihren Gefäßen hatten. Da sagt Jesus: „Das Himmelreich wird gleich sein zehn Jungfrauen, die ihre Lampen nahmen und ausgingen, dem Bräutigam entgegen“ usw. Die ganze Zeit hindurch, in der sie warteten, bemerkte man keinen Unterschied zwischen den klugen und den törichten. Sie waren alle Jungfrauen, sie hatten alle ihre Lampen, sie gingen alle dem Bräutigam entgegen, sie warteten alle auf den fröhlichen Eintritt mit Ihm in den Hochzeitssaal, in die Herrlichkeit. Zur Mitternacht aber, als das Geschrei vernommen wurde: „Siehe, der Bräutigam kommt!“, da erst wurde der Unterschied offenbar, dass die Hälfte von ihnen kein Öl hatte, dass ihre Lampen nicht brannten und dass sie darum von der Hochzeitsfreude ausgeschlossen wurden.
Noch schrecklicher und stärker aber ist der Ausdruck in Joh. 15, wo Christus sagt: „Reben an Mir, die nicht Frucht bringen“. Ein jeder denke darüber nach, was dieses Wort enthält! In Matth. 7 sagt der Herr ohne Bildersprache, wie viel man in Seinem Namen tun kann, ohne rechtschaffen zu sein: Man kann in Seinem Namen weissagen, in Seinem Namen Zeichen und Wunder tun wie Teufel austreiben, Tote auferwecken, kurz: Man kann viele kräftige Taten tun. Der Bischof zu Sardes war sowohl in der Lehre als auch im Wandel so, dass er allgemein für einen lebendigen Christen angesehen wurde; er war es aber doch nicht. „Du hast den Namen, dass du lebst, und bist tot“, heißt es von ihm.
Wer sollte sich hier nicht vor sich selber fürchten, wenn solche Worte aus dem Munde Christi gehen? Die rechtschaffensten und geistlichsten Christen haben bei solchen Worten oft große Furcht gehegt, möglicherweise betrogen zu sein, und haben mit Kraft und Eifer gerufen: „Erforsche mich, Gott, und siehe, ob ich auf bösem Wege bin“ usw. Solltest nur du nicht nötig haben, die Worte hiervon zu beachten?
Wir gehen jetzt daran zu sehen, was diesen Religiösen, deren Ende so erschrecklich war, gefehlt hat. Das hochzeitliche Kleid! — „Du hast kein hochzeitliches Kleid an!“ Was mag das bedeuten? Offb. 19 steht, dass es bei der Hochzeit des Lammes der Braut gegeben war, sich anzutun mit reiner, schöner Seide — und dann wird hinzugefügt: „Die Seide aber ist die Gerechtigkeit der Heiligen.“ Was dieses Gerechtigkeitskleid der Heiligen ist, sieht man im 7. Kap., wo von der seligen weißgekleideten Schar gesagt wird: „Diese sind es, die gekommen sind aus großer Trübsal und haben ihre Kleider gewaschen und haben ihre Kleider hell gemacht im Blute des Lammes. Darum sind sie vor dem Thron Gottes.“ — Zu dem lauen Lehrer zu Laodizea sagt Jesus: „Ich rate dir, dass du Gold von Mir kaufest — und weiße Kleider, dass du dich antust und nicht offenbar werde die Schande deiner Blöße.“ — Die bei der Hochzeit sind, aber in ihren eigenen Kleidern dasitzen und nicht das hochzeitliche Kleid des Königs anhaben, sind also die Religiösen, die mit mehr oder weniger Ernst, Eifer und Gottesfurcht doch noch in ihrer eigenen Gerechtigkeit einhergehen. Sie haben noch nie ihre Sünde recht erkannt; sie sind noch nie ihrer eigenen Gerechtigkeit entkleidet worden, sie haben noch nie von Herzen in seligem Schamgefühl bekennen können: „Ich bin in Jesu Tod und Blut g’nug selig, heilig, rein und gut.“
II/179





Diese Tagesandacht stammt aus dem „Täglichen Seelenbrot“ von Carl Olof Rosenius. Die Andachten des gesamten Jahres sind in Buchform hier erhältlich.


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