Zum 25. Oktober



Welche Christus angehören, die kreuzigen ihr Fleisch samt den Lüsten und Begierden. - Gal. 5, 24

Dies ist ein beängstigendes, ja erschreckendes Kapitel für denjenigen, dessen altes Ich nicht gründlich getötet worden ist und der noch nicht ganz in Christus eingehüllt ist, sondern noch daran denkt, dies alles selber tun zu sollen, um nicht von denen zu reden, die nicht „des Geistes Erstlinge“ haben, sondern nur fleischlich gesinnt sind, was ja Feindschaft gegen Gott und Sein Gesetz ist. Wir dürfen deshalb nie vergessen, was zum Teil von dem Grund und dem Anfang zu dieser Tötung des alten Menschen und zur Entstehung des neuen Menschen schon gesagt worden ist, nämlich dass wir zuerst im Gewissen dem Gesetz getötet und in Christus freigemacht, froh und selig sein und in Ihm sowohl unsere Gerechtigkeit als auch unsere Heiligung haben müssen. Sieh, dies ist der Anfang. Vorher, wenn man wohl erweckt, aber nicht gläubig und freigemacht ist, ist alles vergebens, schwer, unmöglich, man ist ein ängstlicher Sklave.
So zeigt auch Paulus, dass wir nicht eher Gott Frucht bringen, nicht eher im neuen Wesen des Geistes dienen können, als bis wir zuerst dem Gesetz, das uns gefangen hielt, getötet und ihm abgestorben sind. Aber sieh, wenn ich im Glauben mit Paulus sprechen kann: „Ich bin durch das Gesetz dem Gesetz gestorben, auf dass ich Gott lebe“, ich habe versucht, das Gesetz zu erfüllen, aber ich bin zuschanden geworden, ich wurde mehr und mehr verdammt, ratlos, ohnmächtig, hilflos, verlegen, „ich starb“; aber alles, was ich suchte, das fand ich in einem anderen, in Christus, in Ihm bin ich gerecht, rein und selig, Er ist meine Gerechtigkeit. Ja noch mehr: Ich dachte später, dass es meine Sache sei, mich zu heiligen, und ich versuchte, viel dafür zu tun; ich sollte glauben, ich sollte beten, ich sollte streiten, und ich machte dies alles zu meiner eigenen Sorge, meiner eigenen Arbeit; aber auch dieses schlug fehl, ich vermochte nichts. Ich konnte nicht glauben, nicht beten, ja, ich „war nicht einmal tüchtig, etwas zu denken“, nicht mehr, als mein Herr für jede Stunde in mir wirkte. Da merkte ich, dass auch meine Heiligung des Herrn freie Gnade und Gabe ist, und ich wurde ein Nichts, „ich starb“. „Ich lebe aber; doch nun nicht ich, sondern Christus lebt in mir. Denn was ich jetzt lebe im Fleisch, das lebe ich in dem Glauben des Sohnes Gottes, der mich geliebt und sich selbst für mich dargegeben hat.“ — Sieh, wenn Christus in dieser Weise sowohl meine Gerechtigkeit als auch meine Heiligung wird und wenn ich in allen Dingen jede Stunde von Ihm abhänge, dann und erst dann wird es ernst mit meiner Heiligung und der Tötung meines alten Menschen; dann werden nicht nur seine Ausbrüche gehemmt, sondern dann wird das Innerste getötet und das Herz und das Leben selbst zunichtegemacht, nämlich diese tiefe, unendliche Selbstsucht, Selbsteinbildung und Eigenliebe.
Unter dem alten Menschen versteht man alles Böse, das uns von Natur als Erbe von Adam angeboren ist. Zuerst und am wesentlichsten gehören dazu die eben genannte Selbstsucht, die Eigenliebe und Selbsteinbildung. Denn dazu legte die Schlange einen besonderen Samen ins Herz, als sie zu unseren ersten Eltern sagte: „Ihr werdet sein wie Gott.“ Aus dieser Quelle fließt eine grässliche Sündenflut in alle Kräfte der Natur; sie zeigt sich in Gesinnung, Begierden, Worten und Werken, wie z. B. in Hochmut, Gottlosigkeit, Sicherheit, Unglauben, Ungehorsam und Mutwillen, in Trägheit, Wollust, Unreinigkeit, Hoffart, Zorn, Ungeduld, Bosheit, Hass, Neid, Geiz, Falschheit, Lüge, in Verleumdung und noch vielen anderen Sünden und Untugenden. So sieht der alte Mensch aus.
Der neue Mensch dagegen, der in uns entstehen und wachsen soll, ist das neue Wesen, das vom Heiligen Geist durch den Glauben im Herzen geboren wird — er ist eigentlich eine Teilhaftigkeit der göttlichen Natur — und zeigt sich bei uns in einem neuen Kindesverhältnis zu Gott, in Kindeszuversicht, Liebe, Milde, Demut, Gottesfurcht und Abscheu vor der Sünde, Liebe zum Gesetz Gottes, zur Heiligkeit, zur Gerechtigkeit, zur Entsagung, zu einem unbefleckten Lebenswandel, zur Sanftmut, Geduld und Aufrichtigkeit usw., was wir vor allem in ganzer Vollkommenheit an Christus sehen können, der „das Ebenbild des Wesens Gottes“ war. Was nun diesen neuen Menschen in uns betrifft, so ist das Kind zwar klein, das eben geboren ist, dennoch aber heilig und Gott wohlgefällig, gleichwie Jesus, als Er in der Krippe lag, auch klein und unansehnlich, aber doch Gottes Sohn, vom Heiligen Geist empfangen, teuer und geliebt vor Gott, vor den Engeln und den Menschen war. Und gleichwie dieses heilige Kind inmitten eines sündigen Nazareth erzogen wurde und zunahm an Weisheit, Alter und Gnade bei Gott und den Menschen, ja, endlich unter vielen Kämpfen, Leiden und Versuchungen dem Ziele Seines Lebens entgegenging, so soll auch der neue Mensch in uns, Christus in uns, umgeben von den Überresten des alten Adams, von den Versuchungen der Welt und der bösen Geister, erzogen werden und an Gnade zunehmen, bis Christus mehr und mehr in uns allein wirksam und tätig, mehr und mehr unser Alles in Allem wird, während der alte Mensch ans Kreuz geheftet und mehr und mehr abgemattet, erstickt und getötet wird.
I/177

Jesu, stärke Deine Kinder
Und mach aus ihnen Überwinder,
Die du erkauft mit Deinem Blut.
Schaffe in uns neues Leben,
Dass wir uns bald zu Dir erheben,
Wenn uns entfallen will der Mut.
Gott Lob, wir sind versöhnt!
Dass uns die Welt noch höhnt,
Währt nicht lange.
In Ewigkeit ist uns bereit
Die Krone der Gerechtigkeit.




Diese Tagesandacht stammt aus dem „Täglichen Seelenbrot“ von Carl Olof Rosenius. Die Andachten des gesamten Jahres sind in Buchform hier erhältlich.


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