Zum 12. November



Mein Reich ist nicht von dieser Welt. - Joh. 18, 36

Wie ein Reich von dieser Welt ist, sehen wir mit unseren Augen. Es kommt „mit äußerlichen Gebärden“, mit äußerer Pracht, mit äußerem Ansehen, mit leiblicher Macht, Heeren, Waffen, Titeln und allerlei Veranstaltungen, die diesem äußeren Leben dienen. Das Reich Christi dagegen ist ein geistliches, ein unsichtbares Reich, vor Menschenaugen verächtlich und elend. Es dient nicht diesem Leben, sondern unserem ewigen Heil und einer anderen Zeit.
Gegen unser allergrößtes Übel haben alle Reiche der Welt keine Hilfe. Die Sünde beugt die mächtigsten Könige unter ihre Gewalt. Der Teufel, „der Fürst dieser Welt“, zwingt alle Könige und Fürsten, ihm zu dienen, wenn sie nicht zu Christus geflohen sind und von Ihm erlöst wurden. Vor dem Tode legt jeder König sein Zepter nieder und lässt sich still wegführen; ja, die ewige Verdammnis trifft ebenso den unbußfertigen König wie jeden anderen Menschen.
Gegen dieses ewige Übel haben alle Reiche der Welt keine Hilfe, gerade hier aber soll das Reich Christi uns dienen. Es hat zwar in der Welt kein Ansehen, vor den Augen der Menschen ist es elend und jämmerlich, wie sein König es auch war, als Er gegeißelt, verspottet und mit Schmach bedeckt vor Pilatus stand. Sein Reich erscheint also höchst elend. Es schützt nicht vor Verachtung durch die Welt, nicht vor der Unterdrückung durch die Menschen, nicht vor Kreuz und Leiden, nicht einmal vor Versuchungen und Anfechtungen durch die Sünde und den Satan, nein, es bringt eher alles das über uns. Aber vor dem Zorne Gottes und dem ewigen Tode schützt es. Von der Sünde, sowohl von ihrer Strafe als auch von ihrer Herrschaft, befreit es. Von der ganzen Herrschaft und der Übermacht des Teufels errettet es. Vor der Hölle und dem ewigen Feuer bewahrt es. Die Menschen, die an Jesus glauben und in Seinem Reiche sind, werden nicht ewiglich sterben, sondern, wenn der leibliche Tod diesem elenden Erdenleben ein Ende macht, werden sie erst recht zu leben anfangen, gleichwie Jesus gerade da zu Seiner Herrlichkeit einging, als Er starb. So ist Sein Reich, so Seine Meinung mit den Worten: „Mein Reich ist nicht von dieser Welt.“
Dies aber müssen wir uns vor allem durch das Bild des Königs einprägen. Denn dazu sollte die tiefe Erniedrigung des Herrn Christus und Sein Leiden uns in so ergreifenden Zügen vor Augen gestellt werden, dass die Gläubigen zu allen Zeiten in Ihm ein Vorbild ihres eigenen Weges durch Leiden zur Herrlichkeit sehen sollten. Dieser Weg oder das Reich Christi auf Erden wird uns oft so niederdrückend und so verwunderlich, dass auch seine erleuchtetsten Mitglieder unaufhörlich daran irre werden. Darum musst du den König oft und gründlich als ein Beispiel der Art und Beschaffenheit des Reiches betrachten. Übe dich darin, die großen Gegensätze bei Christus recht zusammenzuhalten, die Gegensätze zwischen dem Wesen und dem Aussehen. Sieh, welch eine herrliche Person. Und sieh, welch eine tiefe Erniedrigung, welch ein jämmerliches Aussehen! Der Person und der Wirklichkeit nach ist der „König der Ehren“, der eingeborene Sohn des Vaters, dem der Vater auch als Mensch „alle Gewalt im Himmel und auf Erden“ und „einen Namen gegeben hat, der über alle Namen ist, dass in dem Namen Jesu sich beugen sollen alle Knie derer, die im Himmel und auf Erden und unter der Erde sind, und alle Zungen bekennen sollen, dass Jesus Christus der Herr sei, zur Ehre Gottes, des Vaters.“ So ist der König in Wirklichkeit. Aber sieh, was davon an Ihm gesehen wird! Er wird in einem Stall geboren und in eine Krippe gelegt. Er war während Seines ganzen Lebens „der Allerverachtetste und Unwerteste, voller Schmerzen und Krankheit“, so arm, dass — während „die Füchse Gruben und die Vögel unter dem Himmel Nester haben — des Menschen Sohn nicht hatte, da Er Sein Haupt hinlegte“. Und als Er Seinen bedeutungsvollen, von den Propheten vorausgesagten Einzug in Jerusalem hält, reitet Er auf einem geliehenen Füllen der lastbaren Eselin, die Kleider Seiner Jünger zum Sattel. Ist dieser Jesus der große König der Ehren, von dem die Propheten von Anfang der Welt an sangen? Ja, Er ist es, „der König der Ehren, mächtig im Streit“. Dies aber war jetzt so vollständig verborgen, dass man sich nicht zu wundern brauchte, wenn alle Menschen versucht würden, über Seinen Königsnamen zu spötteln und zu sagen: Dann ist es gewiss ein Bettelkönig.
Aber Sein Reich ist ein Reich der schärfsten Gegensätze, der größten Ehre und Herrlichkeit vor Gott, des größten Elends aber vor uns und vor allen Menschen. Sein Reich ist ein Reich der Gerechtigkeit und des Friedens, zugleich aber ist darin eine beständige Sünde und Unruhe, ein beständiger Streit. Seine Gläubigen sind vor Gott in größter Gnade und Ehre, sind nichts Geringeres als Gottes Kinder — „Meine Söhne und Töchter“, spricht der allmächtige Herr. Ja, wir sind Christi Brüder und Miterben, die „leuchten werden wie die Sonne in unseres Vaters Reich“ — und gehen doch hier auf Erden oft wie ganz von Gott verlassen einher, als wären wir wegen unserer Sünden unter Seinem Zorn. Wir sollten dann vielmehr der Gestalt unseres Königs eingedenk und darauf bedacht sein, dass die große Gnade und Herrlichkeit hier auf Erden unter allem Jammer und Elend verborgen sein soll, auf dass der Glaube eine beständige Übung habe!
Hirtenstimme 1916/118

Es glänzet der Christen inwendiges Leben,
Obgleich sie von außen die Sonne verbrannt;
Was ihnen der König des Himmels gegeben,
Ist keinem als ihnen nur selber bekannt.
Was niemand verspüret, was niemand berühret,
Hat ihre erleuchteten Sinne gezieret,
Und sie zur göttlichen Würde geführet.




Diese Tagesandacht stammt aus dem „Täglichen Seelenbrot“ von Carl Olof Rosenius. Die Andachten des gesamten Jahres sind in Buchform hier erhältlich.


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