Zum 17. September



Was ihr bitten werdet in Meinem Namen, das will Ich tun, auf dass der Vater in dem Sohne geehrt werde. - Joh. 14, 13

Hier müssen wir beachten, was das heißen will, in Jesu Namen zu beten. Es bedeutet eigentlich, auf Grund des Mittlerverdienstes Jesu zu beten und sich im Gebet gläubig auf den Mittler zu berufen. In eines anderen Namen zu bitten, ist uns bekannt durch das, was täglich im Leben vorkommt, wenn z. B. ein reicher und zuverlässiger Mann einem armen Hilfsbedürftigen seinen Namen und seine Empfehlung an den gibt, der die Mittel hat, deren der Arme bedarf. Mit dem Namen und der Empfehlung dieser Person geht der Arme mit großer Zuversicht zu dem, der die Hilfe geben soll. Und dieser Helfer ist dabei so ruhig und so bereit, die Hilfe zu geben, dass er nicht einmal nach der Versicherung des Bedürftigen fragt, wie es mit der späteren pünktlichen Rückzahlung bestellt sei, sondern er antwortet: „Ich brauche nur diesen Namen.“
So geht es, wenn man in eines anderen Namen kommen darf. Hieraus können wir sehen, was es bedeutet, in Jesu Namen zu beten. Das wird in unseren Kirchengebeten gewöhnlich mit den Schlussworten ausgedrückt: „Durch Deinen Sohn, Jesus Christus, unseren Herrn“. Wenn wir aber auf den Zusammenhang sehen, in dem unser Textwort vorkommt, dann liegt in demselben wohl auch ein Grund für die Meinung derjenigen, die das Beten in Jesu Namen so erklären, dass man in Übereinstimmung mit Jesu Sinn betet.
Um nun recht auf das Verdienst Jesu hin und im Sinne Jesu beten zu können, ist unbedingt das Geisteswerk in der Seele erforderlich, durch das wir wahre Jünger Jesu und Gottes Kinder werden. In jeder Menschennatur lebt die irrige Vorstellung, dass Gott auf uns und unsere Würdigkeit blicken und uns gnädig sein werde, wenn wir recht fromm und gehorsam gewesen sind, während wir dagegen wirklich nicht erwarten könnten, dass Er in Gnaden auf uns blicken und unsere Gebete erhören würde, wenn wir im Gewissen wegen unserer Sünde und Unwürdigkeit angeklagt werden. — Die Seuche der Selbstgerechtigkeit liegt tief in unserer Natur. Wahre Kinder Gottes waren vom Gesetz so zerschlagen, dass sie nur mit großer Not — auf Jesu Verdienst allein — durch die enge Pforte des Glaubens an die freie Gnade gekommen sind. Durch diesen Glauben aber sind sie vollkommen selig in Christus geworden. Diese nun fallen immer aufs Neue in denselben Irrtum, dass Gott ihnen nur in dem Grade gnädig sein und ihr Gebet erhören werde, wie sie gehorsam und fromm waren, dass Er ihnen aber zürnen und nicht erhören wolle, wenn sie von der Sünde übereilt werden und große Unwürdigkeit empfinden. Wenn wir bei unserem Gebet denken, dass Gott uns erhören werde, wenn wir selber würdig sind, dann steht das in Gegensatz zu dem Beten „in Jesu Namen“ oder im Vertrauen auf Sein Mittlerverdienst allein. Wie viel Not und demütigende Erfahrungen sind doch erforderlich, damit wir schließlich ganz wahr und rein meinen: „Nur auf Jesu Würdigkeit hin, nur in Jesu Namen, nur um Jesu willen sei mir gnädig und gib mir das Gute, obwohl ich nur das Böse verdient habe.“ Ist dies aber sogar für wiedergeborene Kinder Gottes die schwerste Kunst, wie unmöglich ist es dann den Unbekehrten, ein einziges Gebet beten zu können, das allein auf Jesu Verdienst ruht.
Ebenso unmöglich ist es, in dem unwiedergeborenen Zustand übereinstimmend mit dem Sinn Jesu beten zu können und von Herzen dieselben Anliegen und Bitten wie Er zu haben. Denn zum Gebet gehört das Begehren und Bedürfnis des Herzens. Welch ein Wunderwerk der Gnade, wenn ich entdecke, dass ich durch den Glauben ein solches Herz erhalten habe, dass ich, auch wenn ich hinsichtlich des Gebets nicht an die Vorschrift oder das Beispiel Jesu denke, sondern in meiner täglichen Arbeit stehe, in meinem Herzen doch dieselben Besorgnisse, Wünsche und Seufzer habe, die ich im Gebet des Herrn und in anderen Bekundungen des Sinnes Jesu wiederfinde! Ich gehe und denke und seufze, dass Gott Seine Gnade zur Vermehrung Seines Reiches in meinem und anderer Herzen geben möge. Ich habe einen solchen Sinn, dass keine größere Freude mir widerfährt, als wenn ich Gottes Werk in einem Menschen spüre und merke, dass Gottes Reich wächst und Gottes Name erkannt und geehrt wird. Dann wird wahr, was die zwei ersten Bitten des Vaterunsers enthalten: „Geheiligt werde Dein Name! Dein Reich komme!“ Das war auch die Summe alles dessen, was Jesus hier suchte. Dessentwegen schmeckte Er den Tod und wandte alle Kräfte an, um Menschen zu erretten und das Reich der Seligkeit auf Erden zu verbreiten.
Du, der du jetzt ängstlich und seufzend einhergehst und an die Errettung und die Seligkeit der Menschen denkst, staune und freue dich über die Gnade, die dir widerfahren ist, dass in dir derselbe Sinn ist wie in Jesus. Mag die ganze Welt dir dann im Übrigen finster und eng sein, es ist ein Gnadenwunder in deiner Seele bewirkt, das tausendfach alles überwiegt, was sonst auf Erden gedacht werden kann. Wenn du ohne einen Gedanken an die Vorschrift Jesu oder an die Bitten im Vaterunser vielleicht Tag und Nacht mit dem Seufzer umgehst: „Ach, dass Gott Seinen Willen mit mir durchsetzen möchte — auch wenn Sein Wille meinen eigenen Willen hindern und töten würde —, nur dass Sein Wille geschehe! Ach, dass ich den Willen Gottes tun könnte!“ Erwache mit Freuden über dieses Wunderwerk in deinem Herzen. Welche Gnade, welche Herrlichkeit, dass derselbe Geist in uns wie in Gott wohnt! Ist das nicht ein Beweis der „Teilhaftigkeit der göttlichen Natur“?
Hirtenstimme 1889/2





Diese Tagesandacht stammt aus dem „Täglichen Seelenbrot“ von Carl Olof Rosenius. Die Andachten des gesamten Jahres sind in Buchform hier erhältlich.


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