Zum 25. Mai



Ihr seid das Licht der Welt. - Matth. 5, 14

Wenn der Herr einmal sagt, dass Er das Licht der Welt sei, und hier nun zu Seinen Jüngern spricht: „Ihr seid das Licht der Welt“, so widersprechen sich diese Worte keineswegs. Jesu Jünger sind das Licht der Welt ebenso gewiss, wie Er es war. In der Beziehung, dass Er die Versöhnung für die Sünden der Welt war, steht Er allein und regiert ohne Mithelfer. Er trat die Kelter allein. In der Beziehung aber, dass Er durch Sein Beispiel die Eigenschaften des Wesens Gottes darstellte, nimmt Er denselben Platz ein, den Seine Gläubigen einnehmen sollen. Jeder errettete Sünder kann und muss eine Darstellung der Heiligkeit und Liebe Gottes sein, wie Jesus es auf Erden war. Gott, der Allerhöchste, hat Seine Gläubigen dazu ausersehen, das Licht der Welt zu sein.
Viele Eigenschaften Gottes können im Schöpfungswerk betrachtet werden; unendlich klarer noch sind sie uns in Seinem offenbarten Worte dargestellt. Aber es sind nur wenige denkende Gemüter, die das Buch der Natur studieren, und auch die Schar, die mit Ernst Gottes heiliges Wort betrachtet, ist verhältnismäßig klein. Der Wandel aber und das Betragen der Gläubigen sind das Buch, das alle Menschen lesen. Der Wandel der Christen ist allen denen offenbar, die sie umgeben. Es bedarf keines begründeten Scharfsinnes, um ihre Worte und Werke beurteilen zu können. Sowohl Gelehrte als auch Ungelehrte beachten ihr Verhalten genau. Und unzählige Menschen würden nie daran gedacht haben, das offenbarte Wort zu untersuchen, wenn sie nicht dadurch zur Aufmerksamkeit auf Gott gebracht worden wären, dass sie Sein Wesen im Wandel Seiner Kinder offenbart sahen. — Wenn die Kinder der Welt sehen, was die Jünger Jesu durch den Glauben an das Evangelium geworden sind, dann werden sie oft bewogen, diesem zu lauschen, es zu untersuchen und es schließlich auch anzunehmen.
Die Pflicht aller Gemeinden Jesu ist auch die jeder einzelnen Gemeinde und jedes Gliedes. Jede christliche Gemeinde ist zum Licht der Welt gesetzt, um Gottes Heiligkeit und Liebe zu zeigen und dazu zu dienen, Sünder zum Heiland zu locken. Wenn eine Gemeinde sich nicht als ein solches Licht der Welt erweist, das in klarem Gegensatz zu der argen, verfinsterten Welt ringsumher steht, so verdient sie nicht den Namen einer Gemeinde Jesu. Da nun aber jede Gemeinde aus verschiedenen Mitgliedern besteht, hängt ihre Beschaffenheit eben auch von derjenigen der einzelnen Glieder ab. Jedes Mitglied ist berufen, ein Licht der Welt zu sein, „ein lebendiger Brief Christi, der von allen Menschen erkannt und gelesen wird“. Wenn ein Mitglied der Gemeinde Christi ein solches Licht, ein solcher lebendiger Brief von dem Gott der Liebe und der Heiligkeit nicht ist, verliert es sein Recht, derselben anzugehören. Er ist dann nur ein Schade und schließlich auch eine Schande für die Gemeinde, wie auch ein vielleicht noch größerer Schade für die Welt ringsumher.
Liebe Brüder und Schwestern! Steht es so mit jemandem unter uns? Wir stellen diese Frage nicht, damit nun jemand umhersehe und mit seinem Urteil über andere herfalle, sondern damit jeder Jünger Jesu sich selber frage: „Steht es so mit mir?“ O dass ein jeder unter euch sich bitten ließe, aufrichtig zu untersuchen, was gerade bei ihm, seinen Ansichten oder Worten und Werken, das Reich Christi und die Ehre Seines Namens hindern kann. Möchte jeder, der sich Jesu Jünger nennt, in vollem Ernst diese Frage stellen: „Was findet sich bei mir, das dem Lästerer Raum geben und die Bekehrung der Sünder hindern kann? Bin ich nicht in irgendeiner Weise Schuld daran, dass ein Mensch das Wort verachtet, das Christentum für Scheinheiligkeit ansieht?“ — Möchte jeder Christ in dieser Stunde untersuchen, was bei ihm das Reich Christi hindern kann, und möchte er dann keinen Augenblick zögern, Rat und Hilfe dagegen zu suchen. Es möge weh tun, es möge Schmerzen bereiten; aber es ist besser jetzt als später. Lasst uns nie vergessen, dass der Zweig, der keine Frucht bringt, abgehauen und ins Feuer geworfen werden soll.
Dies ist nun eigentlich nicht zu denen gesagt, die sich täglich selber strafen und richten und jetzt von sich wegblicken und ganz in Christus einhüllen sollten, dass ihre Seele in Seiner Gnade die Ruhe und Stärke empfängt, die für die Heiligung erforderlich sind. Wir reden hier zu denen, die bei dem Bekennen des Evangeliums leichtsinnig und nachlässig sind. Von ihnen sagt Luther: „Hier taugt es nicht, auf ihren Mund zu sehen, sondern auf ihren Wandel.“ Ja, hier gilt es nicht, dass du schön reden kannst, sondern ob du auch eine Beweisung des Geistes und der Kraft hast. Es ist leicht, sich Gottes und Christi zu rühmen. Aber ob dein Glaube auch wahr und aufrichtig ist, das soll sich dadurch beweisen, dass derselbe in deinem Herzen einen heiligen Geist mit sich bringt, der deinen alten Menschen angreift, bindet und kreuzigt und dich demütig und liebevoll macht. Du wirst zwar dennoch hier nie mit deiner Heiligung und Kraft zufrieden werden, sofern du wach bist und vom Bezauberer nicht in die Einbildungen der Selbstherrlichkeit verstrickt worden bist; du wirst vielmehr immer noch deine Sünde mehr als deine Heiligkeit fühlen. Aber andere werden bezeugen und zu lichteren Zeiten wirst du mit dem Apostel bekennen, dass „die Gnade Gottes doch nicht vergeblich an dir gewesen“ sei und dass die wichtigsten Geistesfrüchte, obwohl nicht in dem Maße, wie du es wünschest, doch deinem Glauben gefolgt sind.
IV/31

Herr, lass unser Tun und Leben
Auch dem Deinen ähnlich werden!




Diese Tagesandacht stammt aus dem „Täglichen Seelenbrot“ von Carl Olof Rosenius. Die Andachten des gesamten Jahres sind in Buchform hier erhältlich.


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