Zum 18. Januar



Wenn derselbe (der Tröster) kommt, wird Er die Welt strafen ... um die Sünde, dass sie nicht glauben an Mich. - Joh. 16, 8–9

Beachte diese Worte: „Um die Sünde, dass sie nicht glauben an Mich.“ — Hier sehe ich etwas Merkwürdiges! Was kann das bedeuten, dass der Herr, wenn Er hier die Sünde der ganzen Welt erklären will, derentwegen der Geist sie strafen solle, nur dieses erwähnt: „Sie glauben nicht an Mich“? Ob Christus hier nicht offenbart, dass der Unglaube die einzige verdammende Sünde ist, dass alle Sünden gegen die zehn Gebote getilgt, versöhnt sind und niemanden verdammen, sofern man sich nicht selber durch den Unglauben in die Verdammnis stürzt? „Um die Sünde, dass sie nicht glauben an Mich!“
Sehen wir das nicht auch in dem Verhalten des Heilandes gegen die Sünder? Wenn allerlei Zöllner und Sünder, diese Hefe alles gottlosen Volkes im Lande, zu Ihm kamen, waren dann jemals ihre Sünden ein Hindernis für ihre Begnadigung? War nicht gleich alles gut, sobald sie zu Ihm flohen? Wo war denn das Gesetz mit seinen Geboten und Gerichten? Wo war ihr langes, schwarzes Schuldregister? Sie hatten ihr ganzes Leben lang gegen Gottes Gebote gesündigt, und dennoch sehen wir, dass, wie Paulus sagt, „Er ihnen ihre Sünden nicht zurechnete“. Da waren eitel Gnade, Trost und Freundlichkeit, als ob sie ihr ganzes Leben lang auch nicht eine Sünde getan hätten, so dass die Gesetzlichen darüber erbittert wurden und sprachen: „Er ist der Zöllner und der Sünder Geselle.“ Und was sagt Er selber dazu? Er leugnet es nicht, sondern bestätigt es und sagt, dass diese Sünder Seine verlorenen Schafe, Groschen und Söhne seien und dass Er der holde Vater sei, der mit ausgestreckten Armen Seinem verlorenen Sohn entgegenläuft. — O lieber Heiland, weißt Du denn nichts von seinen vielen und groben Sünden? Nein, er hat keine Sünden, durchaus keine Sünden! „Mein Blut wird vergossen zur Vergebung der Sünden.“ — Die Sünde ist zugesiegelt, die Missetat versöhnt und die ewige Gerechtigkeit gebracht. Gott war in Christus, versöhnte die Welt mit sich selber und rechnete ihnen ihre Sünden nicht zu. Es gibt nur eine Sünde, durch die die Welt verdammt wird: „Dass sie nicht glauben an Mich!“ Sehen wir nicht auch, dass Christus die größten Gesetzeshelden verdammte? Er leugnete nicht, dass es gut sei, dass sie keine Ungerechten, Mörder, Ehebrecher seien oder dass sie den Armen Almosen gäben, nichtsdestoweniger aber waren sie doch verflucht. Hören wir nicht Paulus von vielen seiner Brüder bezeugen, dass sie „um Gott eiferten und nach Gerechtigkeit trachteten“? Aber er sagt: „Sie haben das Gesetz der Gerechtigkeit nicht erlangt, weil sie es nicht aus dem Glauben, sondern als aus den Werken des Gesetzes suchten." O ein wundersames Urteil! Diejenigen, die besser gewesen sind, werden verdammt, und diejenigen, die schlechter gewesen sind, werden selig. Derjenige, der sein Gut mit Prassen verbracht hat, erhält ein gemästetes Kalb, und derjenige, der seinem Vater immer diente und „sein Gebot nie übertreten hatte“, erhält nicht einmal einen Bock. Muss ich nicht sehen, dass hier ein großes Geheimnis verborgen liegt? Werde ich je ganz verstehen lernen, was die Versöhnung besagen will, und werde ich je ganz begreifen, was durch Christi Tod geschah? Das ist das erste, was wir aus den Worten Christi erkennen: „Um die Sünde, dass sie nicht glauben an Mich“, nämlich dass alle Sünden durch den Tod Christi so gesühnt sind, dass sie nicht mehr den Fluch des Gesetzes zur Folge haben. Die Verdammnis ist allein Folge des Unglaubens. Kein Mensch wird also der Sünde wegen, sondern nur um des Unglaubens willen verdammt. Dieses ist die tröstliche Lehre aus diesen Worten.
Zum Zweiten lernen wir aus diesen Worten, dass der frömmste, ernsteste und gottesfürchtigste Mensch verlorengehen kann, wenn er bei all seiner Frömmigkeit nicht an Christus glaubt. Wenn er lange in der ernstesten Bekehrungsarbeit, der tiefsten Reue, den andächtigsten Gebeten, dem frömmsten Wandel, der strengsten Selbstverleugnung, der unverdrossensten Wohltätigkeit usw. gelebt hat, muss er mit alldem trotzdem zur Hölle fahren, falls er nicht dies alles für Schaden achtet gegen die überschwängliche Erkenntnis Christi Jesu. Er muss in Ihm erfunden werden, in Ihm seine Gerechtigkeit und seinen Trost haben. Alles, was im Menschen ist, gilt nichts in den Augen Gottes, seitdem Sein geliebter Sohn Sein Blut zur Vergebung der Sünden vergoss. Daher kommt es, dass die Frömmsten verdammt werden, wenn sie nicht „dem Sohne huldigen“. Davon soll der Heilige Geist die ganze Welt überzeugen: „Um die Sünde, dass sie nicht glauben an Mich!“ — Er greift dadurch die vortrefflichsten Leute auf Erden an, wirft die frömmsten, heiligsten und ernstesten Menschen unter die Verdammnis, nur weil sie ihre eigenen Heilande sein und nicht dem Lamme die Ehre geben wollen.
I/69

Eine Seele geht verloren,
Wie sie auch bekleidet ist,
Wenn sie sich nicht Jesum Christ
Zur Bekleidung auserkoren;
Und ein Geist wird bloß erfunden,
Ist er noch so reich und satt,
Der nicht Christi Fülle hat.
Drum, hinein in Jesu Wunden.
Selig, selig, selig sind,
Die zu den blutigen Wunden
Des Herrn Christ geflohen sind!




Diese Tagesandacht stammt aus dem „Täglichen Seelenbrot“ von Carl Olof Rosenius. Die Andachten des gesamten Jahres sind in Buchform hier erhältlich.


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