Zum 25. September



Lass dich nicht das Böse überwinden, sondern überwinde das Böse mit Gutem! - Röm. 12, 21

Wenn diese Worte im Zusammenhang mit dem vorhergehenden Spruch betrachtet werden, dann scheint die Meinung zuerst diese zu sein: Lass dich nicht von der Bosheit deines Feindes überwinden, so dass du auch böse wirst, sondern überwinde seine Bosheit mit deiner unausgesetzten Liebe, so dass du ihn in deinen Freund verwandelst. Hierzu ist allerdings erforderlich, die Bosheit deines eigenen Herzens zu überwinden, damit diese nicht die Herrschaft über die vergebende Liebe erhält. Wer im Hass und in der Rachbegierde verbleibt, der ist „vom Bösen überwunden“, und zwar von einem doppelten Übel. Die Bosheit seines Feindes und die Bosheit seines eigenen Herzens haben sich vereinigt, ihn zum Hass und zur Rachbegierde zu versuchen. Wer seiner eigenen Rachbegierde beistimmt und seinem Nächsten nicht vergeben und ihn weder lieben noch ihm Gutes tun will, der hat sich vom Bösen überwinden lassen. Und wenn du so von dem Bösen überwunden wirst, dann bist du in doppelter Weise unglücklich.
Doch damit nicht genug, dass du im Hass und in der Feindschaft mit deinen Mitmenschen lebst — was schon an sich ein unglücklicher und friedloser Zustand ist —, sondern durch diesen Hass und diese Unversöhnlichkeit bist du auch von der Gnade und der Freundschaft Gottes ausgeschlossen, so wahr der Herr Christus erklärte: „So ihr nicht von Herzen ein jeglicher seinem Bruder seine Fehler vergebt, so wird euch euer himmlischer Vater auch nicht vergeben.“ Es ist darum eine äußerst wichtige Sache, ja, zur Seligkeit unumgänglich notwendig, dass wir uns nicht von diesem Bösen überwinden lassen und im Hass und in der Unversöhnlichkeit verbleiben. Es ist ein ganz besonderes Verhältnis mit diesem Übel, dem Hass, weil er die Stellung deiner Seele zu Gott, zur Sünde und zur Gnade deutlich macht. Wenn du sagst, dass du einem gewissen Menschen nicht vergeben kannst, dann erklärst du damit, dass du die Gnade Gottes und die Vergebung deiner Sünden, ja die ewige Seligkeit entbehren kannst. Wenn deine eigene Sünde dir recht fühlbar und die Gnade Gottes dir recht unentbehrlich wird, dann kannst du das schwerste dir zugefügte Unrecht vergeben. Wenn du das nicht kannst, dann bitte Gott, dass Er sich über dich erbarme und dich wach mache, sowohl über deine Sünden als auch über die teure Gnade Gottes; dann wirst du vergeben können, was es auch immer sei, und dich nicht von dem unversöhnlichen Hass, diesem tötenden Übel, überwinden lassen.
„… sondern überwinde das Böse mit Gutem.“ Das will nun zuerst besagen: Überwinde die Bosheit deines Feindes mit deiner fortwährenden Liebe und Wohltätigkeit gegen ihn. Auf ein „hartes Wort“ gib du ihm eine „gelinde Antwort“, so stillst du den Zorn. Für einen unfreundlichen Blick gib du ihm einen liebevollen, freundlichen. Wenn du erfährst, dass dein Nachbar etwas Übles von dir geredet hat, so erwähne du etwas Gutes, was du von ihm weißt, dann kann auch er dies erfahren und dadurch zur Freundschaft geneigt werden. Wenn er dir einen Dienst verweigert, dann bemühe du dich, ihm in einer Sache zu dienen, deren er bedarf usw. In dieser Weise wird „das Böse mit Gutem überwunden“.
Die Bosheit deines Feindes ist gleichsam eine Herausforderung deiner Geduld, deiner Liebe und deiner Wohltätigkeit. Sieh darum zu, dass dieses Gute bei dir nicht unterliegt, sondern im Gegenteil die Bosheit deines Feindes überwindet. Und wenn nun das Gute bei dir nicht überwunden werden und aufhören kann, wenn du jederzeit in der Liebe und dem Wohltun verbleibst, dann wird in den meisten Fällen die Bosheit deines Feindes dadurch überwunden werden. Und selbst wenn das nicht geschieht, hast du doch das gefährlichste Übel überwunden, wenn du dein eigenes Herz überwunden hast und in der Liebe verbleibst. Allerdings wird das in deinem eigenen Herzen sich regende Böse nur durch die Güte eines Anderen überwunden, nämlich durch die Gnade im Herzen Gottes. Kämpfst du nur mit deinen eigenen Kräften gegen die Bosheit deines Herzens, dann wirst du bald überwunden. Wenn aber die große Liebe Gottes, mit der Er dir beständig alle deine Sünden vergibt, sich deinem Herzen offenbart und dasselbe beständig regiert, dann wirst du auch stets zur erbarmenden Liebe gegen deinen Nächsten bewogen werden, und dann hast du im höchsten Sinn „das Böse mit Gutem überwunden“.
So sind die Kämpfe und Siege der Christen. Die Welt nennt das siegen, wenn man sich an einem Feind rächen konnte. Im Reiche Christi besteht der Sieg darin, dass man sich nicht rächt, sondern seine Rachbegierde überwindet. Die Christen streiten zunächst gegen ihre eigene Bosheit; und dass diese bekämpft werden kann, ist ihr schönster Sieg. Wenn sie aber gegen die Bosheit anderer Menschen streiten, dann wenden sie zu ihrer Bekämpfung Liebe und Wohltaten an. Möchte Gott in seiner großen, ewigen Liebe uns mit immer größerer Lust zu solchem Kampf und Streit beleben, „das Böse mit Gutem zu überwinden“!
Römerbrief

Lass mich mit brüderlicher Huld
Des Nächsten Fehler decken,
Durch Sanftmut, Mitleid und Geduld
Zur Bess’rung ihn erwecken.
Und sündiget er gegen mich,
So freue meine Seele sich,
Ihm willig zu vergeben.
So werd’ ich Dich, Herr Jesu Christ,
Der selber Du die Liebe bist,
Aufs würdigste erheben.




Diese Tagesandacht stammt aus dem „Täglichen Seelenbrot“ von Carl Olof Rosenius. Die Andachten des gesamten Jahres sind in Buchform hier erhältlich.


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