Zum 04. August



Ich bin durch das Gesetz dem Gesetz gestorben. - Gal. 2, 19

Diese Worte enthalten das Geheimnis unserer Freiheit vom Gesetz. So heißt es auch in Röm. 7: „Also seid auch ihr, meine Brüder, dem Gesetz getötet“, „ihm abgestorben, das uns gefangen hielt“. In dem gleichen Kapitel zeigt der Apostel, wie das zugeht und was es bedeutet, durch das Gesetz dem Gesetz getötet zu werden. Er sagt: „Ich lebte früher ohne Gesetz. Da aber das Gebot kam, ward die Sünde wieder lebendig; ich aber starb. Denn die Sünde nahm Ursache am Gebot und betrog mich durch dasselbe Gebot.“ Wenn du der Frage auf den Grund gehst, was solche Worte bedeuten, dann wirst du ein tröstliches Licht finden. Welchen Tod meint der Apostel hier, wenn er in diesem Zusammenhang sagt: „Ich aber starb“, „starb durch das Gesetz“? Der Katechismus erwähnt dreierlei Tod: den leiblichen, den geistlichen und den ewigen. Hier aber wird noch ein vierter Tod genannt. Denn geistlich tot war der Apostel ja schon, bevor das Gebot kam. Was meint er nun hier mit dem Wort „starb“? Die es erfahren haben, die wissen es; und andere glauben es nicht.
Wenn das Gesetz den Menschen recht trifft und wenn die heiligen Augen Gottes anfangen, die Gedanken und Begierden seines Herzens zu verfolgen, dann stirbt er. Und je ernstlicher er angegriffen wird, desto eher stirbt er. Es war der alte Pharisäer Saulus, der getötet wurde, bevor aus ihm ein Paulus werden konnte. Jakobs Hüfte musste in dem nächtlichen Kampf mit dem Unbekannten verrenkt werden, bevor er sagen konnte: „Ich habe Gott von Angesicht gesehen, und meine Seele ist genesen.“ Erst dann erhielt er einen neuen Namen; seit der Zeit ging er nicht mehr aufrecht. Nimm darum die Worte des Apostels, wie sie lauten, dann merkst du, wer da starb. Er sagt: „Ich starb.“ Es war sein Ich, sein selbstwirkendes, selbstgerechtes, selbstheiliges Ich, das im Streit mit der Sünde unter dem Gesetz zu Boden sank. Das Gesetz spornte den Streit mit unausgesetztem Treiben, mit Forderungen und Bemerkungen an; die tiefe Einbildung von der eigenen Kraft, die die Seele im alten Menschen ist, unterhielt eine zähe Hoffnung auf Erfolg in solchem Streit. Alles aber trug dazu bei, ihn nur umso mehr zu ermatten und zu töten, so dass er schreibt: „Die Sünde betrog mich und tötete mich durch dasselbe Gebot.“ Jetzt ist sie gebrochen, die alte Einbildung von der eigenen Kraft und vom Vermögen des Gesetzes, den Menschen fromm und heilig zu machen; jetzt liegt der Mensch da, verloren, hilflos, ohnmächtig, ja, „tot“.
Wird nun aber Gottes ewiger Versöhnungsratschluss, wird Christus mit Seinem tätigen und leidenden Verdienst der ermatteten Seele erklärt, die nun an aller eigenen Arbeit, an ihrem Willen und Vermögen, an ihrem Gebet, ihrer Buße, ja, an allem, was in ihr ist, verzweifelt, dann zieht es sie zu Ihm hin, so wie sie ist, so lahm, so gebrechlich und aller Gnade Gottes so unwürdig, dass sie vor Scham zu Boden sinkt. Dann sinkt sie in die Arme des Bräutigams, „dass sie eines anderen sei, nämlich dessen, der von den Toten auferweckt ist“. Siehe, dann erhält sie auf einmal die ganze Erfüllung des Gesetzes in Ihm, der „des Gesetzes Ende ist; wer an den glaubt, der ist gerecht“. Jetzt lebt die Braut nur von Seiner Gerechtigkeit und von Seiner Fürsorge in allen Dingen und spricht: „Ich sitze unter dem Schatten, dessen ich begehre; die Liebe ist Sein Panier über mir.“ Eine solche Seele ist jetzt vom Gesetz befreit, wie der Apostel so ausdrücklich erklärt: „Also ist das Gesetz unser Zuchtmeister gewesen auf Christus, dass wir durch den Glauben gerecht würden. Nun aber der Glaube gekommen ist, sind wir nicht mehr unter dem Zuchtmeister.“
Zwar kommt die Einbildung von der eigenen Kraft noch tausendmal wieder — gewöhnlich unter der feineren Form, dass ich durch mein Gebet und durch die Kraft Gottes so und so viel sein und tun kann und soll — und verrät sich als adamitische Einbildung dadurch, dass ich, ich und nicht Christus, der Mittelpunkt aller meiner Gedanken werde. Aber dann werde ich wieder aufs Neue erschöpft und getötet, bis ich wiederum zu den Füßen meines Heilandes hinsinken muss und Ihn mein Alles sein lasse. Und solange dieses fortfährt, dass ich beständig aufs Neue zu Christus zurückgeführt werde, bin ich nicht unter dem Gesetz, sondern unter der Gnade.
Hieraus kannst du nun auch verstehen, wer die sind, die nicht unter der Gnade, sondern unter dem Gesetz sind. Es sind diejenigen, die dem Gesetz noch nicht getötet sind, sondern die ihre Hoffnung und ihre Zuversicht noch auf das Gesetz, auf ihre Arbeit, ihr Gebet behalten haben. Sie sind nicht so verloren und an ihrer Arbeit verzweifelt, dass sie genötigt werden, sich zu ergeben, sich auf bloße Gnade hin als verloren zu ergeben. Sie streben also mit Vorsatz und in voller Meinung durch die genannte Arbeit nach dem Sieg. Sind sie dabei über sich selber niedergeschlagener, dann können sie „dem Reich Gottes ganz nahe sein“. Es ist eben nur notwendig, dass sie an ihren Versuchen verzweifeln und dann einen Augenblick Jesus zu sehen bekommen, weiß und rot — d. h. dass Er ihnen in einer seligen Stunde verklärt wird. Folgen aber mit dieser Arbeit noch viel Trost und Selbstzufriedenheit, sind Glaube und Bekenntnis von Christus nur ein Teil der eigenen Gerechtigkeit, ist der Glaube nicht die Zuflucht eines notleidenden und verlorenen Sünders zum Versöhner, sondern ein neuer, schönerer Lappen auf dem alten Kleid, dann ist man der wahren Gnade entfernter.
I/400

Du kannst’s nicht selber besser machen,
Dein Selbstversprechen ist nur Sand;
Verzag’ an allen deinen Sachen
Und wirf dich unter Seine Hand,
Als völlig tot und völlig blind,
Kurz, als ein ganz verlornes Kind.




Diese Tagesandacht stammt aus dem „Täglichen Seelenbrot“ von Carl Olof Rosenius. Die Andachten des gesamten Jahres sind in Buchform hier erhältlich.


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