Zum 14. Mai



So wir unsere Sünden bekennen, so ist Er treu und gerecht, dass Er uns die Sünden vergibt. - 1. Joh. 1, 9

David sagt über das Bekennen der Sünde in den Versen 3 u. 5 des 32. Psalms: „Da ich es wollte verschweigen (nämlich, was ich getan habe, meine große Sünde), verschmachteten meine Gebeine durch mein täglich Heulen …, aber ich sprach: Ich will dem Herrn meine Übertretungen bekennen; da vergabst Du mir die Missetat meiner Sünde.“ Dieses Bekennen geschieht vor dem Herrn. „Ich will dem Herrn bekennen“, sagt David, woraus zugleich deutlich wird, dass auch „das Verschweigen“ ein Verschweigen vor dem Herrn gewesen ist.
„Wie kann man aber etwas vor dem Herrn verschweigen? Vor Seinen Augen ist doch alles bloß und entdeckt.“ — Wir verstehen dieses Verschweigen aus der Erfahrung. Es bedeutet eigentlich, mit seiner Sünde, seinem beladenen und kranken Gewissen in einer gewissen Entfernung von Gott dahinzugehen, bis das Sündengefühl sich von selbst abkühlen soll, bevor man in Erkenntnis seiner Sünde zum Gnadenstuhl gehen, Gott zu Füßen fallen und Vergebung und Erlösung suchen will. Das Wort kann aber auch auf die unbußfertige Welt angewandt werden. Sie erkennt die Sünde, in der sie lebt, nicht und kann sie darum auch nicht bekennen. Darum enthält das Wort „bekennen“ Buße zu tun, unsere Sünde und den auf uns lastenden Fluch recht erkennen zu lernen und Gnade in Christus zu suchen.
Das ist nun alles, was erforderlich ist, um der erworbenen Vergebung teilhaftig zu werden. Es muss — um ein Bild zu gebrauchen — eine harte Zeit, eine Hungersnot im Lande entstehen, in dem der verlorene Sohn sich aufhält, auf dass er lernen möge, ans Vaterhaus und an die große Sünde zurückzudenken, die er tat, als er seinen Vater verließ und sein Erbe hindurchbrachte. Dann erst beschloss er nämlich: „Ich will mich aufmachen und zu meinem Vater gehen und sagen (bekennen): Vater, ich habe gesündigt gegen den Himmel und vor dir; ich bin hinfort nicht mehr wert, dass ich dein Sohn heiße, mache mich zu einem deiner Tagelöhner!“ Jesus hat diese Worte gebraucht, als Er die Bekehrung eines Sünders beschreiben wollte. Aus ihnen können auch wir etwas über das rechte Bekennen und die rechte Bekehrung lernen. Der verlorene Sohn nannte keine bestimmte Sünde, sondern sagte nur: „Ich habe gesündigt gegen den Himmel und vor dir und bin hinfort nicht mehr wert, dass ich dein Sohn heiße.“ Er sagte nicht: Diese oder jene Sünde verdient dein Missfallen, sondern ich, ich bin ganz und gar unwürdig.
Was sollen wir daraus lernen? Doch dies: Es ist keine rechte Bekehrung, wenn man nur die eine oder die andere Sünde fühlt und erkennt, daneben aber manche gute Seite zu haben meint, womit man zufrieden ist. Man muss sich ganz und gar der Verdammnis wert fühlen. — Zum anderen: Der verlorene Sohn blieb nicht, wo er war, sondern kehrte wirklich zu seinem Vater zurück. Es ist demnach ein falsches Sündenbekenntnis, wenn du bleiben kannst, wo du bist, fern von Gott, in der Welt und in der Sünde. Beachte aber auch dies: Der verlorene Sohn sagte: „Mache mich zu einem deiner Tagelöhner.“ Zeigen sich hier nicht seine Eigengerechtigkeit und sein Unglaube? Er meinte nicht, dass er aus lauter Gnade das volle Kindesrecht erhalten könne, sondern dass er sich hinaufarbeiten müsse.
Das trifft noch immer bei denen zu, die Buße tun wollen. Dabei ist aber zu beachten, dass der Vater diese irrtümliche, wenn auch gute Absicht nicht in Erwägung zieht. Es heißt: „Als er (der Sohn) noch ferne von dannen war (kein einziges Gebet hatte beten, keine einzige Träne hatte weinen, keinen einzigen Dienst hatte leisten können), sah ihn sein Vater, und es jammerte ihn, lief und fiel ihm um seinen Hals und küsste ihn.“ Hätte der Vater nicht mit Recht sagen können: „Weiche von mir, du unwürdiger, du erniedrigter Sohn; du hast dein Erbe hindurchgebracht, du hast dein Kindesrecht verscherzt“? Aber nein, er warf ihm seine Sünde nicht mit einem Worte vor, auch forderte er nicht die geringste Genugtuung, sondern ließ ihm sofort „das beste Kleid“, einen Fingerreif an seine Hand, Schuhe an seine Füße anlegen und ein Freudenfest zu seiner Rückkehr veranstalten.
So hat Jesus selber die göttliche Vergebung beschrieben. So will Er erkannt und angesehen sein. Das Vaterherz war unveränderlich mild und voller Vergebung auch während des Fernseins und trotz aller Versündigung des gefallenen Sohnes. Es wurde nicht durch seine Rückkehr versöhnt, — das war es hinreichend zuvor durch das Blutopfer Christi; aber der Weggegangene hatte keinen Nutzen davon, bevor er nicht zurückkehrte. Wir lernen hieraus, dass Gott auch mit den Gottlosen, Ungläubigen, Unbekehrten versöhnt ist. Christus hat auch ihre Sünden weggenommen auf einen Tag, auch ihnen ist die Gnade und Vergebung erworben. Das beste Kleid, die helle Seide der Gerechtigkeit Christi ist auch für sie lange bereitgewesen und hat darauf gewartet, angenommen zu werden.
Hier können wir auch lernen, wann die selige Stunde schlägt, in der ein armer Sünder Gnade, Vergebung und Kindesrecht wirklich annimmt, nämlich bei der ersten ernstlichen Rückkehr zum Herrn, d. h. das erste Mal, wo er — verzweifelnd an sich selber und allem Eigenen, als seiner eigenen Reue, seinem Gebet und seiner Bekehrung — das Auge der notleidenden, hungernden und dürstenden Seele auf den erhöhten, den gekreuzigten Christus richtet. Sie schlägt um soviel mehr dann, wenn er zum ersten Mal seine Seligkeit in Christus versteht, wenn er zum ersten Mal im Evangelium das sieht, was er früher nicht gesehen hat, wie nämlich alles in Ihm bereit ist, genug und mehr als genug.
II/119

Herr, wenn wir unser Elend sehen,
So lass uns ja nicht stille stehen,
Bis dass ein jeder sagen kann:
Gott Lob, auch mich nimmt Jesus an.




Diese Tagesandacht stammt aus dem „Täglichen Seelenbrot“ von Carl Olof Rosenius. Die Andachten des gesamten Jahres sind in Buchform hier erhältlich.


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