Zum 28. April



Führe uns nicht in Versuchung! - Matth. 6, 13

Habe ich in rechter Weise „Vergib uns unsere Schuld!“ gebetet und dabei den Trost erhalten, dass mir alles vergeben ist und dass Gott jetzt mit mir um der Vermittlung Seines geliebten Sohnes willen zufrieden ist, so muss dann folgerichtig die erste und innigste Sorge meines Herzens diese sein, dass ich nicht aufs Neue gegen meinen gnädigen Vater sündigen möchte. Mein Herz fängt also an zu bitten: „Und führe uns nicht in Versuchung! Hilf mir, o Gott, dass ich nicht wieder gegen Dich sündige!“ Wer nur der Strafe der Sünde entgehen will und keine Besorgnis darum hat, der Sünde selbst zu entfliehen, hat darin einen genügenden Beweis eines falschen Geistes. Ja, es pflegt bei allen redlichen Menschen, auch bevor sie zum Glauben gekommen sind, sogar mehr Besorgnis um das Entgehen der Sünde als um die Vergebung zu bestehen, so dass es auch bei Erweckten zu einem Abweg wird, dass sie die sechste Bitte vor der fünften im Herzen haben. Sie wollen zuerst von der Macht der Sünde befreit werden und dann um Vergebung bitten. Dies klebt auch den Gläubigen an, vor allem wenn ihr Geist mehr gesetzlich als evangelisch geworden ist, dass sie zehnmal an das Entkommen von der Sünde denken können, ehe sie einmal an die Vergebung denken.
Das ist nicht recht. Denn die Vergebung und das Evangelium müssen unseres Herzens Sättigung sein, wenn wir einen reinen Eifer und eine Siegeskraft gegen die Sünde erhalten wollen. Aus dieser allgemein bekannten Neigung aller redlichen Menschen erhalten wir einen desto stärkeren Beweis dafür, welch ein falscher, schlafender und fleischlicher Geist da wohnt, wo man sich nicht um das Freiwerden von der Sünde kümmert. Wir sagen hier nicht, dass der redliche Sinn etwa zur Folge habe, dass das Fleisch nicht mehr die Sünde liebt, sondern wir reden von dem Werk des Herrn an der Seele, dem heiligen und willigen Geist, dass ich mich vor den sündlichen Lüsten meines eigenen Fleisches fürchte, so dass ich zu rufen anfange: „Herr, hilf mir gegen die Sünde! Führe mich nicht in Versuchung! Hilf mir gegen die Versuchung meines bösen Fleisches sowie des Teufels und der Welt!“ — Möchte jeder, der wirklich in den Himmel zu kommen gedenkt, sich aufrichtig vor dem Angesicht Gottes prüfen, ob er sich ernstlich vor der Versuchung fürchtet und der Sünde entkommen will!
Der Herr sieht es, Er kennt die Heimlichkeiten der Menschen. Er weiß, ob du dich wirklich um das Freiwerden von deiner Sünde kümmerst oder ob du nur der Strafe entgehen willst. Welch eine Finsternis des Herzens, welch eine Bezauberung der alten Schlange, wenn der Mensch den Augen des großen Gottes gegenüber, die wie Feuerflammen sind, nicht vor Falschheit zurückbebt, des Gottes, der das Herz erforscht und die Nieren prüft, der „ein Richter der Gedanken und Sinne des Herzens ist“. Er weiß, wie du es meinst, ob du wirklich an das Freiwerden von der Sünde denkst, oder ob du sie noch zu behalten beabsichtigst. Darum prüfe und frage dich, wie du vor Seinen Augen dastehst! — Was soll dein Gebet, wenn du vor dem Herrn nicht aufrichtig bist? Dann ist es eine Heuchelei.
Zu dieser Heuchelei gehört auch, dass man wohl vielen Sünden entfliehen will, mit einer gewissen aber, der eigentlichen Schoßsünde, eine Ausnahme macht. Manche wollen äußeren Sünden entfliehen, wie die Pharisäer taten, sich aber nicht um des Herzens Umgang mit der Sünde kümmern oder denjenigen Sünden entgehen, die Unannehmlichkeiten mit sich bringen. Sie wollen dagegen aber ruhig in den Sünden leben, die uns einen gewissen Seelengenuss und eine gewisse Kraft geben, wie z. B. Selbstgefälligkeit und geistlicher Hochmut, Freude an seinem geistlichen Verstand, seinen Gaben oder seinem Ernst. Dieses vergiftete Übel streitet geradezu gegen die Gnade.
Schließlich wird mit der sechsten Bitte auch große Heuchelei getrieben, indem man zuerst bittet: „Führe uns nicht in Versuchung“, hernach aber freiwillig der vorausgesehenen Versuchung entgegengeht. Du weißt z. B., dass in der oder jener Gesellschaft, an der oder jener Stelle, bei der oder jener Person diese oder jene Versuchung an dich herantritt, du gehst aber dennoch freiwillig hin und betest gar in der Tür: „Führe mich nicht in Versuchung!“ Das aber heißt „den Herrn leichtsinnig versuchen“ und wird eine gerechte Strafe auf dich bringen, so dass du wirklich in der Versuchung fallen musst, — oder es ist eine Folge einer schon vorhandenen Versuchung, die mit unwiderstehlicher Macht dich zu ihrem Ziel führt. Aber dann weißt du, wie elend du bist, und dann hast du eigentlich um Kraft zum äußeren Entfliehen zu bitten. Denn hast du jetzt keine Kraft dazu, so hast du später noch weniger die Kraft, die erforderlich ist, dem Bösen zu widerstehen. Das gilt vom freiwilligen Hingehen zum Ort der Versuchung.
Ganz anders verhält es sich mit denen, die wegen ihres Berufes genötigt sind, mit der Welt und ihren Gesellschaften umzugehen, was die Not und die Sorge so vieler frommer Menschen ist. Diese sollen mit Furcht fleißig und getrost diese Bitten beten und wissen, dass „der Herr die Gottseligen aus der Versuchung zu erlösen weiß“. Sie sollen auch bedenken, „dass ebendieselben Leiden über ihre Brüder in der Welt gehen“, wenn auch nicht wegen derselben Versuchung. Denn wer weniger Versuchung von der Welt hat, der hat gewöhnlich umso schwerere Versuchungen von seinem Fleisch und vom Teufel, ein jeder verschieden, nach verschiedenem geistlichen Alter und verschiedenartiger Übung. Ein jeder aber wird soviel haben, dass er „kaum erhalten wird“, dass alle seine eigene Kraft zuschanden wird und er ernstlich den allein mächtigen Gott anrufen muss.
I/525

Gott, hilf Du mir in der Versuchung Schmerze
Und stärke kräftiglich mein leicht verführtes Herze,
Damit man nimmermehr mich möge sehn
Mit einem Schritt von Dir hinwegzugehn.