Zum 24. Oktober



Das tut zu Meinem Gedächtnis! - Luk. 22, 19

Was hat der Herr Christus mit dieser wunderbaren Stiftung des Abendmahls gewollt? Es gibt viele Christen, die das Abendmahl oder den würdigen Genuss desselben nicht verstehen und auch nicht den Trost, die Freude und den Frieden erhalten, den das Abendmahl sonst gibt, nur weil sie nicht wissen oder nicht bedenken, was die Absicht und der Zweck Christi mit dieser Stiftung war. Alles zu erfahren, was der Herr damit beabsichtigte, wird erst in der alles erklärenden Ewigkeit möglich sein, doch etwas davon können wir verstehen. Lasst uns deshalb hier die Eigenschaft des Abendmahls als ein Gedächtnis des Versöhnungstodes Christi betrachten. Der Herr sprach:
„Solches tut zu Meinem Gedächtnis.“ Zunächst können wir doch wohl verstehen, dass Er dieses Gedächtnis nicht für sich, sondern für uns einsetzte. Denn alles, was Jesus auf Erden tat, geschah für uns. Er sagt: „Des Menschen Sohn ist nicht gekommen, dass Er sich dienen lasse, sondern dass Er diene und gebe Sein Leben zu einer Erlösung für viele.“ So beachte nun, welche gnadenreiche Absicht wir schon darin entdecken, dass Er dieses hohe Mahl zu Seinem Gedächtnis stiftete. Christus kannte nämlich die Schwachheit Seiner Kinder. Er kannte den mühseligen Weg, den sie durch die Wüste und durch das Jammertal dieses Lebens zu wandern hatten. Er wusste, wie sie oft nahe daran sein würden, auf dem Wege zu verschmachten, und wie sie bei ihren schwachen, zaghaften und furchtsamen Herzen während ihrer täglichen und unaufhörlichen Fehde mit dem Fleisch und der Welt samt der List und den Pfeilen des Satans müde, krank, verwundet, matt und mutlos werden würden. Er wusste ferner, dass sie doch in Ihm ihren ganzen Trost, ihre Kraft und Erquickung haben würden und dass sie, sofern sie nur lebhaft an Ihn dachten, wieder neues Leben, neuen Mut, neue Kraft und Lust erhalten würden, die Wanderung fortzusetzen. Er wusste ferner, dass ihre eigenen Sünden, Fehler und Gebrechen ihren Mut am meisten niederschlagen, sie am meisten verzagt und ängstlich machen würden. Er wusste aber auch, dass gegen alle Sünden nichts anderes als Sein Leiden und Sterben, Sein geopfertes Fleisch und Blut ihr Trost sein würde, welches gegeben wurde zur Vergebung der Sünden. Darum stiftete Er dieses Gedächtnis Seines Versöhnungstodes und sprach: „Kinder, kommt oft zusammen; wenn es vor euren Augen dunkel zu werden anfängt und ihr zu verschmachten anfangt, kommt dann zum Genuss Meines Leibes und Blutes zusammen und denkt an Mich!“ Er wollte Ruhehütten an unserem Wege aufpflanzen, in die die müden Wanderer gehen konnten, um an dieser Himmelsspeise, Seinem Leib und Blut, und mit dem Gedanken an Ihn sich zu stärken und zu erquicken.
Dieses Gedächtnis der Wunder der Versöhnung weckt uns auf aus unserer Gleichgültigkeit und Trägheit. Es reinigt unsere Augen von dem Staub, der sie unter der Wanderung verdunkelt hat. Es zeigt sowohl die Sünde als auch die Gnade in ihren wahren Farben. Es tröstet, erquickt und stärkt uns und stellt den Frieden und die Freude der Zuversicht der Kindschaft in unseren niedergeschlagenen Herzen wieder her. Es erhebt unsere Seelen von der Erde und richtet sie gen Himmel.
Aus dem Umstand, dass Jesus in Seinem Abendmahl nicht nur ein Gedächtnis stiftete, sondern uns auch Sein Fleisch und Sein Blut zu essen und zu trinken gibt, sowie aus den Worten, die Er aussprach, als Er den gesegneten Kelch darreichte, erkennen wir, dass es vor allem eine Wohltat war, die Er beabsichtigte. Seine Worte lauten: „Das ist Mein Blut des neuen Testaments, welches vergossen wird für viele zur Vergebung der Sünden.“ Aus ihnen merken wir, dass es Ihm die Hauptsache war, uns über unsere Sünden zu trösten und das beschwerte Gewissen zu stillen. Denn das einzige, was Er von Seinem Blut sagte, war dieses, dass es das Blut des neuen Testamentes war — und dass es vergossen wurde zur Vergebung der Sünden einer ganzen Welt.
Hier siehst du die Meinung und die Herzensgesinnung des Herrn. Es war Ihm nicht genug, Sein Blut zur Vergebung unserer Sünden zu vergießen, Er wollte uns auch auf das kräftigste und tiefste der Teilhaftigkeit dieser Versöhnung gewiss machen und uns recht getröstet und darüber froh wissen. Er lässt sich dies so angelegen sein, dass Er Sein Blut sogar in unseren Mund legt und spricht: „Nehmet hin und trinket alle daraus.“ Trinke hier ein kräftiges Gegengift gegen deine Sünden, gegen ihre verdammende Kraft, und empfange hier das eigentliche Lösegeld, auf dass du wissen mögest, dass du, du, du dessen teilhaftig bist. „Das ist Mein Blut des neuen Testamentes, welches vergossen wird (nur) zur Vergebung der Sünden.“ In diesem Blut wird ein neues Testament, ein neuer Bund zwischen Gott und euch aufgerichtet. Der alte Bund forderte und verdammte, der neue schenkt und versöhnt; der alte sagt: Tue! Gib! Der neue sagt: Glaube! Nimm an! - Das Blut des alten Bundes war Kälber- und Bocksblut, das des neuen Bundes ist das Blut des Sohnes Gottes. Und dieses Blut wird vergossen zur Vergebung der Sünden.
Sieh, solches wollte der Herr andeuten. Hier ist eine unerschöpfliche Trostquelle für alle von der Sünde und den Gewissensqualen Geplagten, wenn sie nur stillhalten, sich besinnen und ruhig und gründlich das bedenken könnten, was der Herr hier tut und redet. Wohl dir, wenn du dazu gehörst!
I/202

Den König hat mein Herz gefunden,
Wo anders als auf Golgatha?
Da floss mein Heil aus Seinen Wunden,
Auch mich, auch mich erlöst’ Er da,
Für mich gab Er Sein Leben hin,
Der ich aus Seinen Feinden bin.




Diese Tagesandacht stammt aus dem „Täglichen Seelenbrot“ von Carl Olof Rosenius. Die Andachten des gesamten Jahres sind in Buchform hier erhältlich.