Zum 22. Februar



Die Hauptsumme des Gebots ist die Liebe. - 1. Tim. 1, 5

Das größte und schlimmste Übel, das aus einem leichtsinnigen und falschen Umgang mit dem Gesetz fließt, ist dieses, dass Menschen, die Gott sonst nicht verachten, sondern Gottes Kinder und Nachfolger sein wollen, doch nichts anderes als Werkheilige, eingebildete und verblendete Pharisäer werden und also für den Geist des Herrn viel unzugänglicher sind als die gottlosesten Sünder. Von ihnen sagt Christus: „Die Zöllner und Huren mögen wohl eher in das Himmelreich kommen als ihr.“
Diese unbewusste, betrügerische und verblendete Werkheiligkeit entsteht dadurch, dass ein Mensch das heilige Gesetz so falsch behandelt, dass er nur auf die Werke sieht und nur darauf, wie er leben soll, nicht aber auf das Herz und dessen Liebe, Reinheit und Heiligkeit achtgibt, was doch das Erste und Wichtigste ist, das Gott in Seinem Gesetz fordert. Er macht sich stattdessen eine Tagesordnung gewisser frommer Übungen, die er vollziehen kann, z. B. einige hervorragende sündliche Gewohnheiten abzulegen und eine tägliche Übung des Wortes Gottes und des Gebetes anzufangen. Dadurch wird er dann getröstet, als hätte er alles getan, was er hätte tun sollen und als wäre es nur das, was Gott von uns verlangt, während er kaum einmal das beachtet, geschweige denn erfüllt hat, was Gott in Seinem ersten Gebot fordert.
Wenn er sich nun gar nicht um solche Dinge kümmert, die Gott zuerst fordert und die das erste und vornehmste Gebot sind, wenn er ganz oberflächlich „das Schwerste im Gesetz“ verachtet und übersieht, so ist das ja nichts anderes, als geradezu eine Falschheit vor dem Angesicht Gottes zu üben, als offenbar mit Gott einen gewissen Spott zu treiben. Denn wenn er einen solchen Unterschied in dem Gesetz Gottes machen kann, dann hat er ja damit bewiesen, dass er trotz seiner Frömmigkeit nicht nach Gott fragt, sondern nur seine eigenen Werke, ja sich selber und seine Vortrefflichkeit und Heiligkeit, nicht aber Gott und Seine heiligen Augen, Seinen Willen und Seine Gebote achtet, sondern sie, obwohl unbewusst, verspottet und verachtet. Er freut sich dessen, dass er diese oder jene sündliche Gewohnheit hat ablegen können. Er pflegte z. B. früher zu fluchen oder Gottes Namen zu missbrauchen und tut das jetzt nicht mehr. Er pflegte früher den Sonntag mit irdischer Arbeit und irdischem Zeitvertreib zu entheiligen, jetzt tut er das nie, sondern will während dieses ganzen Tages das Wort Gottes üben. Er lebte früher in schädlichem Überfluss an Essen und Trinken und an Kleidung, jetzt hat er das abgelegt. Ja, er lebte vielleicht in irgendeinem Laster, in Unzucht oder in Unehrlichkeit beim Handel und in der Arbeit, jetzt hat er durch Gottes Gnade solche Sünden abgelegt.
Ist das nicht ein Sieg nach dem anderen? Ist das nicht Heiligung? Ist das nicht ein bekehrter Mensch, ein Christ? — Ja, er tut noch mehr. Er kümmerte sich früher nicht im Geringsten um das Wohl und Wehe anderer, jetzt nimmt er sich die Not der ganzen Welt zu Herzen und leistet den Menschen sowohl leibliche als auch geistliche Hilfe. Sind das nicht Früchte des Geistes? Ist das nicht die Liebe, die des Gesetzes Erfüllung ist? Und sollte der Mensch, der solche Zeugnisse der Werke hat, nicht getrost sein? Sollte er nicht das Recht haben zu glauben und sich das Verdienst Christi anzueignen?
Zu gleicher Zeit aber treibt er eine große Schalkheit vor Gott, weil er Sein erstes und vornehmstes Gebot, das nämlich das Herz fordert, nie beachtet und nie bedenkt, wie es mit seinem Innern steht, zum Beispiel mit der Liebe zu Gott, mit der Reinheit in Gedanken und Begierden, mit der Reinheit von der Eigenliebe und Selbstgefälligkeit, von Neid und von Hass. So ist er ein Heuchler, der solche inneren Sünden nicht beachtet, aber das sieht er nicht. Und warum sieht er das nicht? Das kommt von dem Rosenschleier äußerer Heiligkeit und guter Werke, der sein Inneres so bedeckt, dass er nie der Gottlosigkeit gewahr wird, die darin herrscht. Heißt das aber nicht, das Gesetz Gottes falsch zu behandeln, nicht darauf achtzugeben, wie Gott zuerst nach dem Herzen sieht und wie ein jedes Gebot Gottes zuerst die innere Heiligkeit fordert? Der heilige Eifer Gottes lässt sich nicht mit Werken betrügen, sondern will den ganzen Menschen nach Seinem Sinne haben, wie Er spricht: „Ihr sollt heilig sein; denn Ich bin heilig, der Herr, euer Gott!“
Diese Heuchelei, dieses falsche Spiel mit dem Gesetz waren die Ursache dafür, dass Christus die Pharisäer angriff. So sagt Er zum Beispiel: „Ihr haltet die Becher und Schüsseln auswendig reinlich, inwendig aber ist es voll Raubes und Fraßes. Ihr seid gleich wie die übertünchten Gräber, welche auswendig hübsch scheinen, aber inwendig sind sie voller Totengebeine und allen Unflats. Also auch ihr; von außen scheint ihr vor den Menschen fromm, aber inwendig seid ihr voller Heuchelei und Untugend. Ihr verzehnt die Minze, Dill und Kümmel und lasst dahinten das Schwerste im Gesetz, nämlich das Gericht, die Barmherzigkeit und den Glauben.“ Möchten wir doch einmal aufwachen und bedenken, dass dies der Eifer unseres Herrn Jesus Christus um das Gesetz ist und dass Gott in dieser Weise unser Verhalten dem Gesetz gegenüber ansieht und richtet.
I/221

Vom Gesetz verdammt, ja verloren in mir,
Verdien’ ich nur ewig zu sterben;
Erbarm’ Dich, o Jesu, ich flehe zu Dir,
Ich kann mir nichts selber erwerben.
Ich sündig ja bin gegen alle Gebot’
Und habe nichts, was mich schützt vor Dir, Gott!
Geh’ nicht ins Gericht mit mir Armen!




Diese Tagesandacht stammt aus dem „Täglichen Seelenbrot“ von Carl Olof Rosenius. Die Andachten des gesamten Jahres sind in Buchform hier erhältlich.