Zum 15. Mai



Das Wort ist dir nahe, nämlich in deinem Munde und in deinem Herzen. Dies ist das Wort vom Glauben, das wir predigen. - Röm. 10, 8

Hier liegt das Geheimnis des Glaubens. Hier ist die wahre Weisheit. „Das Wort ist dir nahe.“ Wer Gott und Christus finden will, der halte sich an das Wort. In ihm will Gott uns begegnen, in ihm findest du Christus. Du brauchst also nicht in dunklen Gefühlen oder in unbekannten Räumen umherzuschweifen, um Ihn zu suchen, — weder in der Höhe noch in der Tiefe, — du hast Ihn ganz nahe im Wort — dem Wort vom Glauben. Umfassest du dieses in deinem Herzen, so hast du Christus in deinem Herzen und alles das, was dies Wort enthält und verspricht. Du brauchst darum nicht mit deinen Gedanken hin und her zu schweifen, dich zu quälen und zu sagen: „Wenn ich doch nur wüsste, was Gott im Himmel von mir denkt und mit mir tun will! Wenn ich doch wüsste, ob mein Name im Buche des Lebens steht oder nicht! Ach dass Gott sich mir in irgendeiner Weise offenbaren und es mir sagen wollte!“ Sprich solches nicht in deinem Herzen! Gott der Herr hat das schon getan, was du wünschest. Er hat sich schon offenbart und uns das Wort gegeben, das für alle, für einen jeden gilt. Sei dessen gewiss, dass bei Ihm kein Ansehen der Person ist, sondern dass Seine verkündigten Gnadengesetze allen Menschen gleichermaßen gelten.
In irdischen Verhältnissen verstehen wir gar wohl, wie ein allgemeines Gesetz gilt. Wenn ich die Gesetze des Staates kenne, dann brauche ich nicht zu sprechen: „Ach dass ich mit der Regierung sprechen und erfahren könnte, ob ich den Schutz des Staates zu erwarten habe.“ Ich weiß zuvor, dass er alle beschützt, die sich nach seinen Gesetzen richten. Ebenso ist es auch mit dem Worte Gottes. Es ist nur eine Oberflächlichkeit unseres Glaubens an das Wort Gottes, wenn wir nicht wissen, was Gott von uns denkt. Er hat es uns im Wort gesagt, dass wir dem Verdammungsurteil verfallen sind, wenn wir dem Sohne nicht huldigen, sondern nach eigenem Dafürhalten frei mit der Welt in der Sünde und dem Leichtsinn leben wollen. Wenn ich versuchen will, durch eigene Gerechtigkeit dem Gesetz gegenüber Gottes Gnade zu erwerben, dann weiß ich, dass die Bedingung diese ist: Erfülle alles, so wirst du leben. Wenn ich an einem sündige, dann bin ich unter dem Fluch. Bin ich dagegen vom Gesetz gerichtet, ratlos und niedergeschlagen, suche aber meine Errettung jetzt nur im Sohne und in Seiner Versöhnung und kann ich Ihn und Sein Evangelium nicht mehr entbehren, dann weiß ich, dass ich schon in Seine Gerechtigkeit gekleidet und ins Buch des Lebens eingeschrieben bin, wie schlecht es auch in meinem Herzen gesehen oder gefühlt werden mag. Ich weiß es aus Gottes eigenem Wort. — Und wem sollte ich glauben, wenn nicht Gott selber?
Diese Lehre müssen wir unserem Herzen mit tiefem Ernst einprägen. Denn es ist sonst eine überaus schwere Kunst, unter all den mannigfaltigen Anfechtungen, die unsere Herzen in dieser argen Welt erleiden müssen, immer im Glauben zu verbleiben. Das Fleisch ist voller Sünde, das Gewissen voll gesetzlichen Sinnes. Bei Gottesfürchtigen ist das Gefühl nicht selten wie eine offene Wunde. Gott ist mit Seiner Gnade oft tief verborgen und sehr wundersam. Unser Feind, der Teufel, hat dann reiche Gelegenheit und Mittel, uns anzufechten, solange wir auf Erden sind. Dann gilt es, einen starken Halt in der Not zu haben und nicht von dem abzuhängen, was wir in uns selber sind, finden oder fühlen, sondern strikt an dem ewigen Wort des großen Gottes festzuhalten. Von dieser Kunst redet Luther sehr lehrreich: „Es ist zweierlei Art, Fühlen und Glauben. Darum muss man hier vom Fühlen abtreten und schlechts das Wort in die Ohren fassen und danach ins Herz schreiben und dran hangen, wenn es gleich keinen Schein hat, dass meine Sünden von mir hinweg sind, wenn ich sie gleich noch in mir fühle.“
Dies geschieht nun aber nur durch das beharrliche Festhalten des Glaubens an dem Worte Gottes. Bedenke! Wenn der große Gott, der Schöpfer des Himmels und der Erde, bezeugt: „So wahr als Ich lebe, Ich habe keinen Gefallen am Tode des Gottlosen, sondern dass sich jedermann bekehre und lebe“, welcher verlorene Sünder sollte sich dann nicht darauf verlassen dürfen und zu Ihm hinfliehen und leben? Der große Gott hat von Anfang der Welt an mit so vielen ausdrücklichen Worten und beredten Vorbildern Seinen ewigen Ratschluss offenbart, dass Er durch Seinen eingeborenen Sohn den Sündenfall wiedergutmachen, die Sünde tilgen und das Gesetz erfüllen wollte. Große Scharen von Evangelisten zeugen durch die Kraft des Heiligen Geistes davon auf Erden, wie dieses alles erfüllt ist. Ja, der Herr Christus selber bezeugt: „Ich bin der Erste und der Letzte und der Lebendige. Ich war tot, und siehe, Ich bin lebendig von Ewigkeit zu Ewigkeit. Ich will dem Durstigen geben von dem Brunnen des lebendigen Wassers umsonst.“ Welcher verlorene Sünder sollte sich nicht auf solche Worte verlassen und getrost zum Gnadenstuhl hingehen können? Welcher angefochtene Christ sollte nicht mit allen seinen Versuchungen und Gebrechen sein müdes Herz an solchen Worten ausruhen wollen? Das Wort, das eigene Wort Gottes ist dir nahe, ja in deinem Herzen und in deinem Munde, wenn du es mit dem Glauben umfassest. In und mit dem Wort hast du Christus und alle Seligkeit. Glaub es nur!
Römer 10, 6–8

Herr, Dein Wort, die edle Gabe,
Diesen Schatz erhalte mir;
Denn ich zieh es aller Habe
Und dem größten Reichtum für.
Wenn Dein Wort nicht mehr soll gelten,
Worauf soll der Glaube ruh’n?
Mir ist’s nicht um tausend Welten,
Aber um Dein Wort zu tun.




Diese Tagesandacht stammt aus dem „Täglichen Seelenbrot“ von Carl Olof Rosenius. Die Andachten des gesamten Jahres sind in Buchform hier erhältlich.


(Neu) Andachten anderer Tage: Heute, Gestern, Vorgestern