Zum 02. Juni



Meine Lust ist bei den Menschenkindern. - Spr. 8, 31

Es ist ein großer, beim Sündenfall uns vom Teufel eingeflößter Irrtum, wenn wir Gott nicht für einen Gott, einen Helfer und Heiland halten, sondern für einen harten Richter, einen Herrn, der nur unsere Dienste fordert. Der Herr hat einen ganz anderen Sinn: Es ist Ihm eine Lust, uns Gutes zu tun und bei den Menschenkindern auf Erden zu wohnen. Da hat Er ein großes Krankenhaus voller Elend, voller Jammer und Not. „Dies ist Meine Ruhe“, spricht Er, „hier will Ich wohnen; denn es gefällt Mir wohl.“
Als Jesus eines Tages Seine Jünger in eine Stadt sandte, Speise zu kaufen, kam währenddessen eine arme Frau aus der Stadt, eine mit Sünden beladene Heidenfrau. Jesus redete mit ihr. Ihr Gewissen erwachte, sie verstand, wer Er war, der zu ihr sagte: „Gib Mir zu trinken.“ Geschlagen im Gewissen, aber fröhlich in der Hoffnung läuft sie, um noch mehr Heiden zu Jesus zu rufen. Jetzt kommen die Jünger mit der Speise und sagen: „Rabbi, iss!“ Aber jetzt brauchte Er keine Speise mehr. Sein Hunger war gestillt. Er hatte arme Sünder zu erretten gefunden und sagte nur: „Ich habe eine Speise zu essen, davon wisset ihr nichts.“ Sieh hier das Herz des Heilandes! Es ist Seine Speise, Seine Ruhe, Seine Lust, den Menschenkindern Gutes zu tun. Darum ist es auch Seine Lust, bei ihnen zu wohnen. Und dass Seine Lust nicht etwas Zufälliges und Vorübergehendes, sondern eine tief in Seinem Wesen wurzelnde ewige Neigung zum Menschengeschlecht ist, das hat von Anbeginn der Welt ein Jahrhundert und Jahrtausend dem anderen verkündigt.
Der Grund ist tief. Gott machte den Menschen Ihm zum Bilde. Gott schuf ihn dazu, Sein Kind, Seine Gemeinschaft und Seine Lust zu sein. Und als Er den Menschen, diesen Herrn der Erde, schuf, geschah es nicht wie bei den übrigen Geschöpfen in einem Augenblick durch ein allmächtiges „Es werde!“. Um des Menschen willen wurde Er ein eigentlicher Schöpfer, bildete und formte seinen Leib, blies danach Seinen eigenen, heiligen Lebensodem in ihn, und „also ward der Mensch eine lebendige Seele“. Kaum sind nun die Menschen da, so ist der Heiland auch schon mitten unter ihnen und wandelt mit ihnen unter den Bäumen des Paradieses. Durch unseren Fall, unsere Sünde und unsere Not ist Seine Lust, bei uns zu wohnen, erst recht stark und groß geworden. Seine Gottesbarmherzigkeit hat noch kein Ende! Der „Sohn Seines Leibes“ war in die Hände des Feindes gefallen. Das konnte Sein Herz nicht ertragen. „Gott ist die Liebe“, und „Er hat Lust zum Leben“.
Würden wir nun eine Wanderung durch die Tage des Alten Bundes machen, so könnten wir vor Augen sehen, wie der Heiland von Anbeginn bei Seinen armen Sündern aus- und eingegangen ist und sich Hütten unter Staub und Asche gebaut hat. Wir könnten dann in jene Wildnis gehen, wo Er Hagar, die ägyptische Magd aus dem Hause Abrahams, besucht und so freundlich mit ihr redet. Wir könnten in den Hain Mamre treten, nach Bethel gehen und dann nach Pniel und Horeb, wo der Herr sich in dem brennenden Busch zeigt. Wir könnten die wunderbare Wolken- und Feuersäule betrachten und auch hier Sein Angesicht erblicken. Bedenke nur, vierzig Jahre hindurch sich des Tages in eine Wolke und des Nachts in ein leuchtendes Feuer zu kleiden, und das, um einem halsstarrigen Volke Wegweiser und Schutz gegen die Sonnenhitze sowie Schild und Leuchte im Dunkeln zu sein — gewiss ist dazu erforderlich, dass Er große Lust an den Menschenkindern hat! Wir könnten weiter nach Ophra pilgern, wo Gideon den Heiland unter einer Eiche sitzen sieht, und dann nach Jerusalem und in den Tempel gehen, wo Er über dem Gnadenstuhle wohnt.
Wozu aber eine so weite Reise? Wir haben Ihn jetzt näher. „Gott ist geoffenbart im Fleisch.“ Was sehen wir zu Weihnachten in der Krippe zu Bethlehem? „Ein Kind!“ Jawohl, ein Kind, und zwar dasselbe, das gesagt hat: „Meine Lust ist bei den Menschenkindern.“ Gott im Fleisch, Gott in der Krippe, Gott in Windeln, Gott an den Brüsten einer Mutter! Hier steht unser Verstand still. Hier zittern uns die Knie. Hier entsetzt sich das Herz. Das Wunder ist zu groß für schwache Menschen. Gut, dass unsere Augen trübe sind, gut, dass wir nur von ferne schauen und kaum den tausendsten Teil davon verstehen! Es würde uns sonst erdrücken, wir könnten es nicht ertragen. Die Weise, wie Er bei dem Volk Israel war und mit ihm verkehrte, war Ihm noch kein rechtes Wohnen bei den Menschenkindern; es war Ihm noch ein zu fremdes Verhältnis, eine zu kühle Freundschaft. Er Gott und sie arme Sünder — die Kluft war noch allzu weit! Gleich und gleich gesellt sich besser. Da wurde Er ein Menschenkind, unser Blutsverwandter, unser Bruder. Wir können es in den Wind schlagen, als wäre es nichts, und doch ist es wahr. Und die Seraphine sitzen nun schon an die zweitausend Jahre auf ihren Höhen und schauen hinab in diesen Liebesabgrund, können ihn nicht fassen und können doch nicht aufhören, in heiliger Verwunderung zu staunen und aus diesem Brunnen Stoff zu allen Lobgesängen zu schöpfen: „Das Wort war bei Gott, und Gott war das Wort. Und das Wort ward Fleisch und wohnte unter uns.“ O ewiges Gnadenwunder!
Und was hatte Ihn dazu getrieben? Er hatte Seine Lust an den Menschen ebenso wie an den Engeln. „Meine Lust ist bei den Menschenkindern.“ Hier sind wir nun am Ende, weiter können wir nicht schauen. Denn: „Also hat Gott die Welt geliebt.“ Er liebte — darum liebte Er. Wir kommen nicht weiter, wenn wir’s nicht im Glauben annehmen.
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Diese Tagesandacht stammt aus dem „Täglichen Seelenbrot“ von Carl Olof Rosenius. Die Andachten des gesamten Jahres sind in Buchform hier erhältlich.


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