Zum 12. April



Nun ist ohne Zutun des Gesetzes die Gerechtigkeit Gottes offenbart. - Röm. 3, 21

Hier zeigt sich uns der Fels der Seligkeit, auf dem allein unsere Seelen errettet werden müssen, wenn sie nicht ewig verlorengehen sollen, zugleich aber auch „der Fels des Ärgernisses“, gegen den alle Stürme und Wogen des Unglaubens sich beständig erhoben haben. Die Gerechtigkeit Gottes, von der hier die Rede ist, ist das größte uns jemals vom Himmel offenbarte Wunder der Gnade und Liebe Gottes, aber auch das unseren eigenen Gedanken unbequemste Geheimnis, so dass, wenn ich auch alles andere lernen und behalten kann, ich doch das nie recht glauben und behalten kann, was ich von dieser Gerechtigkeit Gottes lerne. Sie ist eine so rein himmlische Offenbarung und streitet so gegen unsere ganze Natur, vor allem gegen den tiefen Wahn eigener Fähigkeit, dass wahrlich nicht nur die Ungläubigen mit aller Macht dagegen streiten, sondern auch viele sonst erleuchtete und wohlmeinende Menschen in diesem Punkt mehr oder weniger falsche Meinungen haben. Und das rührt nicht von einer Unklarheit oder Zweideutigkeit in den Worten der Schrift von dieser Gerechtigkeit Gottes her, sondern daher, dass die Sache selbst so gänzlich gegen unsere Natur, gegen unsere Gedanken und Meinungen streitet.
Die Gerechtigkeit Gottes unterscheidet sich wesentlich von aller anderen Gerechtigkeit. Sie unterscheidet sich gänzlich von der Gerechtigkeit der Menschen und der Engel in Bezug auf ihren Urheber; denn sie ist „die eigene Gerechtigkeit Gottes“, eine Gerechtigkeit nicht der erschaffenen Wesen, sondern des Schöpfers. „Ich, der Herr, schaffe sie“, sagt der Herr ausdrücklich von der Gerechtigkeit, die die Seligkeit mit sich bringen sollte. Sie ist eine göttliche und ganz vollkommene Gerechtigkeit, denn sie ist ein Werk Jehovas selber, und dies in ganz demselben Sinn, wie die Welt sein Werk ist. Der Vater hat sie durch den Sohn zuwege gebracht, wie Er auch durch den Sohn die Welt erschuf. Petrus sagt: „Denen, die einen gleich kostbaren Glauben mit uns empfangen haben durch die Gerechtigkeit unseres Gottes und Heilandes Jesus Christus“ (Grundtext). Hier wird Christus „unser Gott und Heiland“, und die Gerechtigkeit, auf die sich unser kostbarer Glaube gründet, „die Gerechtigkeit unseres Gottes und Heilandes“ genannt.
„In den Tagen Seines Fleisches“ erwarb der Sohn Gottes uns diese Gerechtigkeit. Bevor Er in diese Welt kam, war Er weder ein Mitglied noch ein Untertan im Reiche Gottes — Er war dessen Haupt. Er wirkte „in göttlicher Gestalt“, d. h. als Schöpfer und Befehlshaber der Welt, später dann in „Knechtsgestalt“. Seine vollkommene Heiligkeit konnte zuvor nicht „Gehorsam“ genannt werden. Man könnte eher sagen, dass das Gesetz mit Ihm, als dass Er mit dem Gesetz übereinstimmte. Seine göttliche Heiligkeit erwies sich darin, dass Er das Gesetz gab, nicht aber darin, dass Er dem Gesetz gehorchte. In Seiner Knechtsgestalt stellte Er sich jedoch unter das Gesetz, das Er für uns gegeben hatte, und trat in die für Ihn als Sohn Gottes neue Übung, dass „Er Gehorsam lernte“. Seine Gerechtigkeit oder Sein Gehorsam ist also ein Gehorsam der ehrenvollsten Person, die unter das Gesetz gestellt werden konnte, des großen Herrn selber, „der da ist Gott über alles, hochgelobt in Ewigkeit“. Es war eine Gerechtigkeit von Immanuel, „Gott mit uns“. Und dieser Gehorsam des Sohnes Gottes in unserer Natur hat das Gesetz viel höher verherrlicht und zufriedengestellt, als ein Gehorsam aller erschaffenen Wesen dies hätte tun können. Auch tat Er dem Gesetz eine viel größere Ehre an, als die Übertretungen der ganzen Welt dasselbe hätten entehren können. Wenn andere dem Gesetz gehorchen, dann erwerben sie sich dadurch selber eine Ehre. Als der Sohn Gottes dem Gesetz gehorchte, wurde dagegen das Gesetz geehrt.
Was dem Gehorsam Christi aber auch diesen hohen Wert gibt, ist dieses, dass dieser Gehorsam mit dem Willen und der Verordnung des Ewig-Vaters übereinstimmte. Er war vom Vater zu diesem Amt erwählt und gesalbt. Der Herr war vom Herrn gesandt. Davon lesen wir bedenkenswerte Worte bei dem Propheten Sacharja: „Ihr sollt erfahren, dass Mich der Herr Zebaoth gesandt hat. Freue dich und sei fröhlich, du Tochter Zion; denn siehe, Ich komme und will bei dir wohnen, spricht der Herr …, dass du sollst erfahren, dass Mich der Herr Zebaoth zu dir gesandt hat.“ Außer allen jenen Stellen des Alten Testaments, in welchen der Vater von der Sendung des Sohnes, Seiner „Einsetzung auf dem heiligen Berge Zion“ und ähnlichem redet, gingen ja beständig aus dem Munde Christi die Worte „der Vater“, „der Wille Meines Vaters“, „der Wille dessen, der Mich gesandt hat“, „darum liebt Mich der Vater, dass Ich Mein Leben lasse, — solches Gebot habe Ich empfangen von Meinem Vater“. Er erklärte alles, was Er tat, als Gehorsam dem Willen des Vaters gegenüber. Wenn wir bedenken, dass das größte und wunderbarste, von unseren Gedanken kaum zu fassende Werk Gottes, dass nämlich Gottes Sohn Mensch werde, nur den Zweck hatte, dass durch Sein Tun und Leiden das Gesetz für uns alle erfüllt werden sollte, damit Sünder errettet werden könnten und das Gesetz dennoch seine volle Ehre behielte, dann können wir uns gewiss keinen zu hohen Gedanken von dem Wert machen, den dieser Gehorsam vor den Augen des Vaters hat.
Römerbrief

Ich kenne mich nicht mehr im Bilde
Der alten, seufzenden Natur;
Ich jauchze unter Gottes Schilde
Und kenne mich in Christo nur.
In Christi Schmuck, Triumph und Schöne
Heb’ ich getrost mein Haupt empor,
Und mische meine Harfentöne
Schon in den ew’gen Siegerchor.




Diese Tagesandacht stammt aus dem „Täglichen Seelenbrot“ von Carl Olof Rosenius. Die Andachten des gesamten Jahres sind in Buchform hier erhältlich.


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