Zum 23. Mai



Bleibt in Mir! Bleibt in Meiner Liebe! - Joh. 15, 4 und 9

Es muss etwas ganz besonders Wichtiges in diesen Worten liegen, die der Herr so oft wiederholt. Nicht weniger als zehnmal nacheinander braucht Er bei Joh. 15 das Wort von dem Bleiben in Ihm, woraus ein jeder erkennen möge, mit welchem Ernst und Eifer unser Heiland uns diese Sache einschärfen will und wie überaus wichtig sie sein muss, wenn Er sie so oft wiederholt. Darum muss es auch uns von großer Wichtigkeit sein, zu fassen, was der Herr meint. Beachte nur, wie Er redet, und bedenke, dass Er nicht sagt: Bleibt in Meinem Dienste, bleibt in Meiner Nachfolge oder bleibt im Gebete zu Mir. Nein, Er redet von einem viel innigeren Verhältnis, wenn Er sagt: „Bleibt in Mir“ oder „So ihr in Mir bleibt“. Den ganz tiefen Inhalt dieses Ausspruchs wird wohl niemand hier in der Zeit ganz durchschauen oder ausdrücken können; soviel aber vermögen wir zu begreifen, dass Er hier von der innigsten Vereinigung mit Ihm redet, wie sie sich z. B. in dem Bilde von den Reben am Weinstock ausdrückt. Was wir aber von dieser Vereinigung empfinden können und wodurch sie entsteht, deutet der Herr mit der erklärenden Ergänzung an: „So Meine Worte in euch bleiben“ und „Bleibet in Meiner Liebe!“. Wir bleiben also in Christus, wenn wir in Seiner Liebe bleiben und Seine Worte nicht nur im Kopfe und im Mund, sondern im Herzen haben, so dass sie wirklich unser Trost sind.
Dein Bleiben in Christus und Sein Bleiben in dir ist oft das größte Geheimnis. Gib aber darauf acht, ob du von den Worten Christi und von Seiner Liebe lebst. Ist das der Fall, dann lebst du in Christus und Er in dir. Werde dir bewusst, ob du in Christus Trost hast, ob du also, wenn du über deine Sünden und Gebrechen bekümmert bist, deinen Trost nur durch das Wort von der Liebe Christi, von der Gerechtigkeit Christi, von dem Blute Christi erhältst oder ob dein Herz seinen Trost aus sich selber oder aus deinem eigenen Tun hat. Wenn du darauf achtest, ob du deinen Trost durch Hören oder durch Tun hast, dann merkst du, ob du vom Glauben lebst. Du lebst davon, wenn du nicht durch eigenes Arbeiten, sondern nur durch das Hören des Evangeliums getröstet werden kannst. Es ist dies ein so wichtiger Punkt, dass derjenige, der nicht betrogen sein will, ihn unbedingt beachten muss. Hast du ein Herz, das vom Worte Christi abhängt und von ihm wie der Leib von der leiblichen Speise lebt, dann bleibst du in Ihm, und Er bleibt in dir; dann fühlst du auch, wie dein Herz inniglich zu Ihm hingezogen wird, nach Ihm hungert und nur in Ihm und Seiner Liebe Trost und wahres Leben empfängt.
Was das besagen will, dass wir von der Liebe Christi leben und dass Christus durch den Glauben in uns lebt, ist von dem Apostel Paulus in Gal. 2 herrlich beschrieben: „Ich bin durch das Gesetz dem Gesetz gestorben, auf dass ich Gott lebe; ich bin mit Christus gekreuzigt. Ich lebe aber; doch nun nicht ich, sondern Christus lebt in mir. Denn was ich jetzt lebe im Fleisch, das lebe ich in dem Glauben des Sohnes Gottes, der mich geliebt hat und sich selbst für mich dargegeben.“ Hier sehen wir das rechte Leben und die rechte Kraft der Heiligung! Das heißt: „Bleibt in Mir — Bleibt in Meiner Liebe.“
Beachte, wie der Apostel hier redet: „Ich bin durch das Gesetz dem Gesetz gestorben, ich lebe jetzt in dem Glauben des Sohnes Gottes, der mich geliebt hat.“ Erkenne, was dir fehlt, wenn du ein Sklave unter der Sünde bist und wenn du zwar vor ihr erschrecken, ja über sie verzweifeln, sie aber nicht ganz verabscheuen und hassen kannst, so dass sie endlich doch deine Sinne und Glieder beherrscht. Der Fehler ist der, dass du dem Gesetz nicht gestorben bist und nicht frei und selig in der Liebe Christi, sondern inwendig an das Gesetz gebunden und knechtisch bist. Wie soll es dann aber möglich sein, dass du Leben und Kraft und einen heiligen Willen haben könntest? „Wenn ein Gesetz gegeben wäre, das da lebendig machen könnte, so käme die Gerechtigkeit wahrhaftig aus dem Gesetz.“
„Der Buchstabe tötet“; das Gebot macht die Sünde nur lebendig „und kräftig in unseren Gliedern, dem Tode Frucht zu bringen“. Willst du Leben und Kraft zur Heiligung haben, dann musst du „dem Gesetz getötet sein“ und nur in der Liebe Christi leben. Der Apostel sagte: „Ich bin durch das Gesetz dem Gesetz gestorben.“ Zuerst hat das Gesetz mich, meine Selbstwirksamkeit und Einbildung getötet, als es nämlich alle Sünde in mir erregte, die „mich betrog und mich durch dasselbe Gebot tötete“. — „Ich starb“, — es war aus mit mir, ich vermochte nichts mehr zu tun, zu fühlen, zu denken oder vorzunehmen, konnte keinen Finger zu meiner Errettung rühren, — ich war verloren, ich starb. Da kam ein anderes Gesetz, nämlich das des Glaubens, und sprach: „Glaube an den Herrn Jesus!“ Das Evangelium verkündete mir das ganze Verdienst Christi, Seinen Tod für mich und Seine Liebe zu mir, und mein Geist wurde lebendig. Jetzt wurde ich mit dem vereinigt, der von den Toten auferstanden ist, und — „ich lebe; doch nun nicht ich, sondern Christus lebt in mir. Denn was ich jetzt lebe im Fleisch, das lebe ich in dem Glauben des Sohnes Gottes, der mich geliebt hat und sich selbst für mich dargegeben.“ Es ist gerade das Leben meines Lebens, dass Gottes Sohn mich geliebt hat und Sich selbst für mich dargegeben. Das heißt: „Bleibt in Meiner Liebe!“
IV/59

Ich bleibe, Herr, in Deinen Gnadenarmen,
Denn unentbehrlich ist mir Dein Erbarmen.




Diese Tagesandacht stammt aus dem „Täglichen Seelenbrot“ von Carl Olof Rosenius. Die Andachten des gesamten Jahres sind in Buchform hier erhältlich.