Diese Tagesandacht stammt aus dem „Täglichen Seelenbrot“ von Carl Olof Rosenius. Die Andachten des gesamten Jahres sind in Buchform hier erhältlich.

Zum 23. November



Wir sind wohl selig, doch in der Hoffnung. - Röm. 8, 24

„Wir sind selig“, sagt der Apostel hier. Das ist gar zu tröstlich und geheimnisvoll, als dass wir es recht glauben könnten. Es ist etwas, was nur das Wort des großen Gottes, ja, Sein Eid und Sein Geist uns sagen können, dennoch aber kommt es nicht recht in unsere Herzen. Und doch ist es eine göttliche Wahrheit, die der Apostel hier ausspricht, dass wir schon „selig“ sind — wir, die wir des Geistes Erstlinge haben, wir sind selig, obwohl in einer solchen Weise, dass es in dieser Zeit weder gesehen noch gefühlt wird. Das Wort des Grundtextes für „selig“ ist deshalb eigentlich auch „errettet“, der Verdammnis entgangen, für den Himmel geborgen, in welchem Begriff nichts von unseren Gefühlen noch von unserem Genuss der Seligkeit liegt. Es ist etwas, was geglaubt werden muss. Darum sagt der Apostel, dass wir selig sind „in der Hoffnung“. „Errettet“, „erlöst“, „geborgen“, „selig gemacht“ ist gerade das Wort, von dem der Heiland Seinen Namen hat, und es enthält eine Teilhaftigkeit all des Guten, das Er uns erwarb. Wir haben nämlich jetzt die Vergebung unserer Sünden und die ewige Freundschaft Gottes. Wir sind Gottes Kinder, stehen im Buch des Lebens, sind im Himmel anerkannt, geliebt und erwartet. Wir stehen in einer innigen Vereinigung mit Gott und haben den Heiligen Geist in unseren Herzen, der uns erleuchtet, heiligt und in alle Wahrheit leitet, bis wir Erlaubnis zur Heimfahrt erhalten. — Dies alles heißt ja gewiss „selig“ sein. Und dies „sind wir“ schon, wie der Apostel sagt.
Die Welt meint, dass wir selig werden, wenn wir sterben. Dies ist zwar in einem anderen Sinne wahr, wenn man nämlich davon redet, dass die Gläubigen dann ihre Seligkeit genießen werden. Aber das in unserem Text Erwähnte ist dieses, dass sie schon hier „selig“ sind, nämlich in dem Sinn, dass sie vor Gott schon „Kinder“, Erben und rechtmäßige Eigentümer der Schätze der Seligkeit sind. Abraham wurde nicht dadurch Gottes Freund, dass er starb; er war es schon zuvor, als er in Zelten auf Erden wohnte. Aber dieselbe Freundschaft Gottes, die er damals genoss, folgte ihm auch in den Tod und in die Ewigkeit. Niemand wird ein Freund Gottes in dem Augenblick, wenn er stirbt, wenn die Seele vom Leibe geschieden wird; schon hier muss man es sein, um es in der Ewigkeit sein zu können. Wer hier nicht durch den Glauben den Sohn Gottes hat, der wird, wie bereits angeführt, „das Leben nicht sehen“.
Doch diejenigen, die hier des Geistes Erstlinge haben, werden auch einst die Fülle empfangen. Diejenigen, die hier mit Christus vereinigt sind, werden auch in der Ewigkeit bei Ihm sein. Darum sind sie auch hier schon selig. Oder ist der Mensch nicht selig, der Gottes geliebtes Kind ist und mit Gott wie mit Seinem lieben Vater reden kann? Ist ein solcher Mensch nicht selig, von dem Christus sagt: „Wahrlich, wahrlich, Ich sage euch: Wer an Mich glaubt, der hat das ewige Leben und kommt nicht ins Gericht, sondern ist vom Tode zum Leben hindurchgedrungen“? Sind diejenigen nicht selig, von denen der Apostel einmal sagte: „Ihr seid gekommen zu dem Berge Zion und zu der Stadt des lebendigen Gottes, zu dem himmlischen Jerusalem und zu der Menge vieler tausend Engel und zu der Gemeinde des Erstgeborenen, die im Himmel angeschrieben sind, und zu Gott, dem Richter über alle, und zu den Geistern der vollkommenen Gerechten und zu dem Mittler des neuen Testamentes, Jesus, und zu dem Blut der Besprengung, das da besser redet denn Abels“ — sind diese nicht selig? Und diejenigen, an die der Apostel so schreiben konnte, wandelten noch auf Erden, sie trugen noch den Leib der Sünde und des Todes und waren noch von allen geistlichen Feinden umgeben; sie hatten noch mit ihrem Verderben zu kämpfen und nach ihrer Erlösung zu seufzen. Dennoch sagt der Apostel, dass sie gekommen waren „zu dem Berge Zion, zu der Stadt des lebendigen Gottes, zu dem himmlischen Jerusalem und zu der Gemeinde der Erstgeborenen und zu den Geistern der vollkommenen Gerechten“. Der Apostel erblickt hier eine einzige große selige Gemeinde, von der etliche schon in den Himmel gekommen waren — „die Geister der vollkommenen Gerechten“ — während etliche noch auf Erden waren und noch „des Blutes der Besprengung“ bedurften. So ist es auch wirklich mit den Gläubigen. Als Kinder und als Freunde Gottes bilden sie mit den schon in den Himmel Eingegangenen eine einzige Gemeinde. Es ist ebenso, als wenn wir an einem Feiertage viele Menschen dem Gotteshause zueilen sehen, von denen etliche schon hineingekommen, etliche gerade in der Tür und andere noch draußen sind. Allesamt bilden sie eine einzige große Gemeinde. So ist es auch mit den Gläubigen. Wir, die wir noch draußen wandeln, gehören ebenso gewiss zur Gemeinde der Seligen wie diejenigen, die schon im Himmel sind, obwohl wir noch nicht hineingekommen sind. Solches liegt auch in unserem Text, da hier gesagt wird: „Wir sind schon selig, doch in der Hoffnung.“
O welcher mannigfache Segen, wenn wir diese Wahrheit tief in unsere Herzen schreiben würden, dass wir nämlich schon hier selig sind, schon hier Gottes Kinder und Erben sind, die jetzt nur auf die selige Erlaubnis warten, heimgehen zu dürfen! Dieser Trost des Glaubens und die Zuversicht der Hoffnung sind doch die eigentliche Stärke unseres ganzen Christentums.
Römerbrief

Schon hier in diesem Leben
Grünt wahre Seligkeit.
Was wird der Himmel geben?
Da kommt die Erntezeit.

Da schmeckt das Herz vollkommen,
Was hier ein Vorschmack war,
Und ist mit allen Frommen
Im ew’gen Jubeljahr.