Zum 13. November



Dein Wort ist meines Fußes Leuchte und ein Licht auf meinem Wege. - Psalm 119, 105

Bedenke, wie grausam diejenigen ihre Seele behandeln, die sich dieser Himmelsspeise, der einzigen Arznei und des einzigen Lebensbrotes, des Wortes Gottes, enthalten! Gott hat uns gnädig vom Himmel herab ein sichtbares Mittel geschenkt, in welchem er wohnt und wirkt, und von dessen richtigem oder falschem Gebrauch die ewige Seligkeit abhängt. Dennoch sieht man nicht nur die blinde Welt diese Perlen verachten und mit Füßen treten, sondern man sieht auch, was noch erschrecklicher ist, dass diejenigen, die einst erleuchtet gewesen sind und das gute Wort Gottes geschmeckt haben, sich durch die Welt und das Fleisch oft so von ihm abhalten lassen, dass vielleicht Tage, um nicht zu sagen, Wochen dahingehen, ohne dass sie eine einzige Stunde zur Nahrung ihrer Seele anwenden. Oder wenn sie sich eilig dem Wort zuwenden, sind die Gedanken und das Herz so mit weltlichen Dingen angefüllt, dass — gleichwie ein stürmisches und brausendes Meer unmöglich von den Strahlen der Sonne erwärmt werden kann — als Frucht von solchem Umgange mit dem Wort nur vermehrte Unlust dazu entsteht.
Das Wort Gottes will mit einem stillen, betrachtenden Geist angenommen werden, wenn es das Herz erwärmen soll. Aber hieran hindert das fesselnde Irdische oder das, was Jesus mit den „Dornen, die den guten Samen ersticken“, meint, nämlich „die Sorgen und die Wollust dieses Lebens“, Fleischeslust, Trägheit und die vielerlei Sorgen und Verrichtungen, die in den Augen der verblendeten Seele alle wichtiger als das Himmlische sind. Jetzt heißt es: „Ich habe keine Zeit, das Wort so fleißig zu benutzen, denn das und das muss getan werden.“ Und das, was getan werden muss, ist etwas Irdisches, was aber außer Acht gelassen werden soll, ist das Himmlische, das nun weniger bedeutet! So ist die Seele bezaubert und verblendet!
Du sagst: „Die Pflicht des Berufes ist eine heilige Pflicht; und wer nicht für sein Haus sorgt, ist ärger als ein Heide.“ Jesus aber spricht: „Dies sollte man tun und jenes nicht lassen.“ Wenn du deines Amtes und Hauses aufs Vollkommenste wartetest, das Gnadenleben aber absterben ließest, so kann das treu besorgte Amt und Haus dir im Tode und im Gericht nicht helfen. Wer aber vorwendet, dass dein Haus und dein Amt darunter leiden würden, wenn du dich dem Worte Gottes widmetest, ist nur der Betrüger, die alte Schlange, sowie der Heide in deiner Brust, der Unglaube deines Herzens, der nichts von einem Segen Gottes weiß, weil er das Himmlische nicht achtet, sondern lieber zehn Stunden verspielt und verschwätzt, als eine zur Andacht anzuwenden. Welch große, heidnische Verachtung Gottes und deiner unsterblichen Seele!
Du hast Gelegenheit zu dem seligen, hohen und ehrenvollen Umgang mit dem Herrn des Himmels und der Erde, mit deinem Heiland und Seligmacher, Gelegenheit dazu, Ihn reden zu hören, was durch das Wort geschieht, und mit Ihm zu reden, was im Gebet geschieht, und du sprichst, du hättest keine Zeit dazu; von nichtigen Dingen aber unter den Menschen zu hören und zu reden, dazu hast du Zeit! Muss das nicht heißen, vom Teufel bezaubert zu sein? Vor all deinen Geschäften hast du keine Zeit dazu, auch nur eine von den vierundzwanzig Stunden des Tages zur Nahrung deiner Seele anzuwenden. Wenn Gott dich nun schlüge und ein Jahr krank liegen ließe, stünde dann nicht dennoch die Welt? Dann hast du geringen Dank von all den weltlichen Dingen, die du so treulich besorgt hast; sie können dir nun nicht helfen. Gott aber und Sein Wort hast du verachtet, willst du jetzt wohl den Verachteten um Hilfe anrufen?
Wenn nun das Versäumen des Wortes Gottes zur Folge hat, dass du täglich dem inwendigen Menschen nach ermattest, dass der Glaube verdunkelt wird und die Gottesfurcht und alle Gnadenkräfte abnehmen, dann klagst du vielleicht über Schwachheiten und Versuchungen, die du nicht überwinden kannst. Wie war das anders zu erwarten? Dass du das Böse in dir ohne Gnadenmittel überwinden sollst, erwarten weder Gott noch Menschen. Solche Kräfte liegen nicht in uns. Deshalb gab Gott uns das Mittel von oben herab. Wenn du es richtig anwendetest, dann würde nichts unmöglich sein, was zum Leben und zur Gottesfurcht dient. Wenn du sagst, dass du das Wort Gottes zu lesen versucht hast, trotzdem aber nicht besser geworden bist, dann verstehst du entweder deine Besserung nicht — du meinst, plötzlich eine gewisse Höhe an Kraft, Frömmigkeit und Heiligkeit zu erreichen, und weißt nicht, dass der Weg dazu durch das Tal der Erniedrigung und Armut geht — oder aber du hast, wenn du wirklich noch ein Sklave der Sünde bist und wenn du neues Leben, neue Lust, neue geistliche Kräfte noch nicht erhalten hast, das Wort nicht richtig gebraucht. Vielleicht hast du die Ordnung Gottes umgekehrt und zuerst das Böse in dir zu überwinden gesucht, bevor du dir das Verdienst Gottes angeeignet hast, Frucht zu bringen gesucht, bevor du in Christus eingepfropft wurdest. Beginne nun, dem Wort zu gehorchen, welches sagt: „Flieht erst zu Jesus, sucht dort Gnad’, hernach ihr wahre Kraft empfaht.“ Lass die böse Eigengerechtigkeit fahren, wirf dich mit allen Mängeln und Widersprüchen in die Arme der Gnade, und du wirst erfahren, „wo die Sünde mächtig geworden ist, da ist doch die Gnade viel mächtiger geworden“. Jetzt wird diese übermächtige Gnade dein armes Herz so erfreuen, zerschmelzen und umwandeln, dass es nicht mehr an dem Bösen, das dich früher gefangen hielt, Geschmack finden wird, sondern das Gute, das du nicht zu tun vermochtest, wird nun deine Lust werden. So lehrt das Wort. Wende dies mit Gehorsam an, dann ist auch dir das zur Seligkeit Notwendige möglich.
I/137





Diese Tagesandacht stammt aus dem „Täglichen Seelenbrot“ von Carl Olof Rosenius. Die Andachten des gesamten Jahres sind in Buchform hier erhältlich.


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