Zum 19. Oktober



Der dein Leben vom Verderben erlöst, der dich krönt mit Gnade und Barmherzigkeit. - Psalm 103, 4

Wenn Gott einem Menschen alle Sünden vergibt und alle seine Gebrechen heilt, dann ist dieser nicht nur vor dem Zorn und der Verdammnis verschont, sondern er ist zugleich auch ein Gegenstand Seiner unfasslichen Liebe, der großen göttlichen Liebe, die alle Vernunft übersteigt. Er hält denselben Menschen herzlich teuer mit einer Liebe wie etwa der einer zärtlichen Mutter zu ihrem kleinen Kinde oder der eines Bräutigams zu seiner Braut. Dies ist die wunderbarste und die herrlichste Sache, die Gott in der heiligen Schrift offenbart hat. Die Bibel enthält viele wunderbare Worte darüber, z. B. wenn Christus selber ausdrücklich sagt, dass „Freude im Himmel sein wird über einen Sünder, der Buße tut“, wie sie bei dem Vater des verlorenen Sohnes entstand, als dieser seinen Sohn wiedersah. In Jes. 62 steht: „Wie sich ein Bräutigam über die Braut freut, so wird sich dein Gott über dich freuen.“ Und ferner: „Du sollst heißen: Meine Lust an dir; denn der Herr hat Lust an dir.“ Und der Herr selber sagt ausdrücklich von Seinen Gläubigen: „Es soll Meine Lust sein, ihnen Gutes zu tun“, oder zuvor: „Ich will einen ewigen Bund mit ihnen machen, dass Ich nicht ablassen will, ihnen Gutes zu tun; und will ihnen Meine Furcht in das Herz geben, dass sie nicht von Mir weichen. Und es soll Meine Lust sein, ihnen Gutes zu tun.“ Abermals spricht der Herr: „Wie will Ich dir so wohltun, Ephraim! Wie will Ich dir so wohltun, Juda! Denn Ich habe Lust an der Liebe und nicht am Opfer.“ — Dass Gottes Herz mit solcher Liebe alle umfasst, die zu Ihm kommen, auch die unwürdigsten Sünder, zeigte Jesus deutlich in Matth. 9. Als die Pharisäer über Seine große Freundlichkeit gegen Zöllner und Sünder murrten, antwortete Er: „Geht hin und lernt, was das sei: Ich habe Wohlgefallen an Barmherzigkeit und nicht am Opfer!“
Wer also an Ihn glaubt, ob er auch der unreinste Zöllner und Sünder sei, ist sofort in der innigsten Weise geliebt; und nun wird der Mensch sein ganzes Leben lang im Schoße der Barmherzigkeit Gottes aufs zärtlichste getragen und vor allem Übel bewahrt. Seine Seele ist auf ewig frei von dem ewigen Verderben, erlöst von einem Nahverwandten, und seinem irdischen Leben wird eine besonders liebevolle Pflege von demselben Verwandten, „Goel“, unserem Heiland, zuteilwerden. Ja, er wird auf allen Seiten von den Wohltaten und der Barmherzigkeit Gottes umgeben werden, gleichwie eine goldene Krone das Haupt umgibt, es schmückt und bedeckt. Dies ist die Bedeutung der Worte: „Der dein Leben vom Verderben erlöst und dich krönt mit Gnade und Barmherzigkeit“; denn das hebräische Wort für „erlösen“ handelt von dem Erlösen und der Fürsorge eines Anverwandten für seine Nahverwandten.
Zu derselben liebevollen Fürsorge Gottes gehört auch das, was in unserem Psalm folgt: „Der dich mit Trost erfüllt“ oder „der deinen Mund fröhlich macht, und du wieder jung wirst wie ein Adler“. Der Adler wird gleichsam verjüngt, wenn seine alten Federn abfallen und er wieder neue erhält. So werden auch wir verjüngt, wenn Gott unsere Seele mit Seinem Trost erquickt. Und wenn der Herr uns nicht die Gabe des Glaubens gibt, dann können wir unmöglich einen wirklichen Trost und Frieden nehmen. Er ist der Anfänger und Vollender des Glaubens.
Wenn jemand uns unterdrückt oder uns ungerecht richtet, dann ist der Herr derjenige, der da recht richtet, unsere Sache beschützt und ihr abhilft, wie hier steht: „Der Herr schafft Gerechtigkeit und Gericht allen, die Unrecht leiden.“ Unsere größten Feinde schmähen uns aufs bitterste, meisterhaft verdrehen sie unsere Worte und schreien uns mutig für irrige oder falsche Christen aus. Wir aber schweigen, obwohl wir oft auf das klarste ihre Lästerungen widerlegen könnten, schweigen aber und verhalten uns „wie ein Tauber, der nicht hört, und wie ein Stummer, der den Mund nicht auftut“. Gott aber führt unsere Sache so herrlich hinaus, dass sie mehr und mehr wächst und unsere Widersacher mehr und mehr für das erkannt werden, was sie wirklich sind. Das kommt alles von der Treue des Herrn, wenn man nur glauben und still sein und auf Ihn harren kann. „Der Herr schafft Gerechtigkeit und Gericht allen, die Unrecht leiden.“
Wie zärtlich, treu und freundlich verfuhr der Herr gegen Mose und die Kinder Israel. „Der Herr hat Seine Wege Mose wissen lassen, die Kinder Israel Sein Tun.“ Daher haben wir jetzt das große Glück, dass wir nicht darüber ungewiss zu sein brauchen, was Gottes Wille und Meinung ist. Wer bedenkt, dass Gott sich auf Erden offenbart und gesagt hat, was Sein Wille sowie Sein Ratschluss zu unserer Seligkeit ist, dass Er außerdem mit herrlichen Werken sich als den Allmächtigen, den Schöpfer, gezeigt hat, der wird über den Willen und die Meinung Gottes mit uns nicht ins Blaue gaffen und denken. Er wird einzig und allein ins Wort Gottes blicken, in dem wir Seine Wege und Sein Herz sehen, und er wird dort ebenso gewiss darüber werden, was Gott von uns hält, als ob das Gericht schon gehalten wäre. O eine große Gnade!
IV/114

Was könnte mich doch wohl mit Sorgen quälen?
Der Liebe Abgrund schlinget alles ein.
Was könnte wohl dem armen Herzen fehlen?
Die Liebe lässt mich nie bedürftig sein.
Und was mir irgend widersteht,
Das fällt, sobald mein Herz zur offnen Liebe geht.




Diese Tagesandacht stammt aus dem „Täglichen Seelenbrot“ von Carl Olof Rosenius. Die Andachten des gesamten Jahres sind in Buchform hier erhältlich.


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