Zum 26. September



Euer Leben ist verborgen mit Christus in Gott. - Kol. 3, 3

Beachte! Unser Leben in Gott ist verborgen — verborgen mit Christus! Christus ist unser Leben, aber Christus ist verborgen; darum ist unser Leben verborgen. So redet der Apostel hier, und die Erfahrung aller Heiligen bestätigt es. Aber wir wollen es nicht für wahr und für richtig gedeutet halten, sondern wir sagen: Wäre es ein richtiges Leben mit Christus in Gott, dann würde es nicht so verborgen sein, sondern würde hervorleuchten und mehr empfunden, gesehen und gefühlt werden. Wahr ist es, dass, „wer da glaubt an den Sohn Gottes, der hat solches Zeugnis bei sich selber“, wahr ist, dass „der Geist Gottes unserem Geist Zeugnis gibt, dass wir Gottes Kinder sind“. Wahr ist, was der Apostel Johannes in seinem ersten Brief oft wiederholt: „Wir wissen, dass wir von Gott sind“; „wir wissen, dass wir Gottes Kinder sind“; „wir wissen, dass Gott in uns bleibt.“ Der Mensch, der sich einer Bekehrung, einer Erweckung aus dem Sündenschlafe, einer Arbeit unter dem Gesetz, einer Erlösung in Christus, eines neuen Lebens mit Christus und eines neuen Wandels nach Ihm nicht bewusst ist, sondern — wenn auch nicht in ihrem gröberen Wesen — noch mit der Welt eins ist, betrügt sich selbst, wenn er meint, trotzdem das verborgene Leben mit Christus in Gott leben zu können, wenn er diesen Spruch so deutet, als würde das Leben in Christus keine bestimmten Zeichen mit sich bringen. Gewiss steht das fest, was die Schrift von den Früchten des Geistes lehrt, an denen der gute Baum erkannt werden soll.
Dass das geistliche Leben dennoch zu derselben Zeit so verborgen ist, rührt daher, dass unsere gefallene, blinde Vernunft sich nie recht auf das Werk des Geistes und dessen Früchte versteht, sie gibt auf dieselben auch nicht acht, sondern will das Leben mit den Händen anfassen, es sehen und empfinden. Zuweilen sind wir mit den Früchten des Geistes, die die Schrift hervorhebt, nicht zufrieden, sondern wollen selber bestimmen, wie das geistliche Leben sich offenbaren soll. Wenn die Schrift z. B. Liebe, Freude, Friede usw. als die vornehmsten Früchte des Geistes nennt, sagt doch mancher: „Ja, was ist das? Gewiss entstand eine neue Liebe in meinem Herzen, als ich die Vergebung aller meiner Sünden erhielt, gewiss empfing ich eine Freude und einen Frieden mit Gott, die ich früher nie hatte; aber was ist das? Diese Dinge sind bei mir ja so schwach und unbeständig. Ich sollte doch eine viel größere und beständigere Liebe, Freude, Friede, Sanftmut usw. haben.“ Zuweilen trachten wir ja nach inneren Empfindungen und Gefühlen des eigentlichen Lebens in uns, und wenn solche nicht da sind, zweifeln wir gleich an dem Leben.
Unser Leben in Gott ist dann am tiefsten verborgen, wenn Gott uns nicht nur jegliches Gefühl und jegliche Kraft entzieht, sondern uns zugleich auch von manchen Sünden und Gebrechen überfallen lässt oder dem Teufel gestattet, uns aufs grässlichste zu sichten und uns mit sündlichen Gedanken, Lüsten und Begierden zu versuchen und zu plagen, so dass wir uns zuzeiten auch vergehen — so z. B., wenn Petrus seinen Herrn verleugnet und lügt oder wenn Paulus und Barnabas sich zanken. Seht, wenn uns solches geschieht, dann scheint es größte Torheit zu glauben, dass der Geist Gottes in uns wohne. Nein, nicht der Geist Gottes, sondern der Teufel! Schließlich kommt hinzu, dass Gott allerlei unangenehme Erfahrungen, Unglücksfälle und Leiden uns treffen, ja wie eine Sturzflut uns überschütten lässt, so dass sich auf einmal alle Kräfte — die Natur, die Menschen und die Geister — gegen einen frommen Hiob vereinigen, indem die Räuber, der Sturm und der Blitz ihm alles rauben, was er besitzt, sogar seine Kinder. Der Teufel plagt seinen Leib, sein Gemahl verhöhnt seinen Glauben, seine armen Tröster wälzen neue Steine auf seine Last, sogar sein eigenes Herz ergeht sich in Lästerungen, so dass er den Tag seiner Geburt verflucht. Ach wo ist nun der hochbegnadigte Mann, desgleichen nicht im Lande war? Wo ist nun die besondere Freundschaft Gottes, die er besitzen sollte? Das muss wohl unsere Herrlichkeit tief, tief verbergen heißen!
Von all dem Bösen, das unsere Herrlichkeit, unser Leben mit Christus bedeckt und verbirgt, ist jedoch nichts mit der Sünde zu vergleichen. Äußere Leiden sind dagegen goldene Leiden. Man kann sich bald genug belehren lassen, dass sie eine väterliche „Rute“ sind, denn „welche der Herr liebhat, die züchtigt Er“. Aber die Sünde, das Toben des Teufels im Fleische, anhaltende Sündenlüste und das daraus folgende tote Gefühl und die Vorstellung eines gerechten von Gott Dahingegebenseins sowie des Verlassenseins vom Heiligen Geist usw. — das sind die rechten Todesstöße, die uns durch Mark und Bein dringen und unser Gnadenleben von Grund aus verbergen. Dann hilft gewöhnlich nichts anderes, als jeglichen Gedanken an das eigene Gnadenleben aufzugeben und nur auf den ewigen, unveränderlichen Gott zu blicken, ob Er nicht retten und der Sache abhelfen kann. Wenn es dann aber wieder heller wird, kann man wohl zu sehen bekommen, dass sich mitten in der schwarzen Finsternis nicht nur ein unveränderliches Vaterherz Gottes und unsere ungeminderte Gerechtigkeit in Christus, sondern auch ein wahres, lebendiges, kämpfendes Gnadenleben in unseren Herzen verbargen. Hier tief zu bedenken und zu wissen, wie Gott die Seinen wundersam führt und in dieser Weise das Leben unter dem Tode, die Gerechtigkeit unter der Sünde, die Gnade unter dem Zorn, ja den Himmel unter der Hölle verbirgt, das ist die hohe göttliche Weisheit, die uns vor allem anderen vonnöten ist, wenn wir mit diesem Herrn aushalten sollen.
II/287

Hier übel genennet und wenig erkennet,
Hier heimlich mit Christo im Vater gelebet,
Dort öffentlich mit Ihm im Himmel geschwebet.