Zum 9. Oktober



Meine Brüder, ich schätze mich selbst noch nicht, dass ich es ergriffen habe. - Phil. 3, 13

Hier sehen wir, was es heißt, dem inneren Menschen nach frisch und gesund zu sein. Der große Apostel Paulus sagt, dass er es noch nicht ergriffen habe. Was meint er damit? War er noch nicht zum Glauben, zur evangelischen Freiheit, zum Leben und zur Seligkeit in Christus gelangt? Wir wissen es. Er schrieb diese Epistel, als er das ganze Land bereits mit seiner Lehre erfüllt hatte.
Wir fragen: „Wie war es mit dem Apostel dem inneren Menschen nach bewandt? Oder redet er etwa in eines anderen Namen? Vielleicht drückt er aus, wie es einem Anfänger im Christentum ergeht, einem Menschen, der seines Gnadenstandes noch nicht gewiss ist, oder gar einem, der noch nicht durch die enge Pforte hindurchgedrungen ist?“ Aber nicht also! In den Versen 1–14 dieses Kapitels hat er gerade seine eigene geistliche Geschichte beschrieben und sagt hier nun ausdrücklich: „Brüder, ich schätze mich selbst noch nicht, dass ich es ergriffen habe.“ Diese Worte redet also ein Mann, der nicht Anfänger im Christentum ist, sondern der auf einer solchen Höhe des christlichen Glaubenslebens steht, wie unter uns gewiss keiner. Es spricht sie derselbe Apostel, der sagen konnte: „Ich lebe aber, doch nun nicht ich, sondern Christus lebt in mir!“, derselbe Glaubensheld, der triumphierend ausrufen konnte: „Wer will uns scheiden von der Liebe Christi!“, der Heilige, in welchem Jesus wie in keinem anderen nach ihm Gestalt gewonnen hatte und der zur Ehre Gottes in Wahrheit ausrufen konnte: „Folgt mir, liebe Brüder, und seht auf die, die also wandeln, wie ihr uns habt zum Vorbilde.“ Derselbe Mann bekennt hier frei und offen, dass auch er es noch nicht ganz ergriffen habe, ja dass auch er noch nicht vollkommen sei.
Hier wird wohl mancher unter uns stutzen und sich wundern. Das dürft ihr auch mit Grund, doch tut es ohne Missverstand. Wenn Paulus hier von der Unvollkommenheit redet, dann spricht er nicht von dem, was er in Christus vor Gott ist. Wenn es sich darum handelt, führt er wahrlich eine andere Sprache. Dann heißt es: „Wer will beschuldigen? Wer will verdammen? Wir sind gerecht geworden durch den Glauben. Mit einem Opfer hat Er uns in Ewigkeit vollendet.“ Denn hier war Paulus „vollendet“. Wenn er aber von Unvollkommenheit redet, dann spricht er von seinem Herzenszustand, von seiner inneren Stellung zum Herrn und von seinem Glaubensleben; im Blick darauf gesteht er, es noch nicht ergriffen zu haben, sich noch nicht am Ziel seines Strebens zu sehen, noch nicht das Licht zu haben, das er in dem Geheimnis der Versöhnung Christi begehrte, noch nicht die Festigkeit im Glauben und den Trost davon in seinem Herzen zu haben, den er suchte.
„Ach ja“, sagt ihr, „was ist denn an jenem demütigen Bekenntnis so verwunderlich? Denn wer wird im Blick auf das eigene Gnadenleben wohl meinen, dass er schon fertig sei und schon am Ziel stehe!“ Nun, sagt das nicht. Gewiss muss man sich für vollkommen ansehen oder sich am Ziele seines Strebens befinden, wenn man nach nichts mehr trachtet und wenn man zufrieden ist mit dem Punkt, den man im Geistlichen erreicht hat. Nehmt es nicht übel, sondern nehmt es zur Selbstprüfung vor Gottes Antlitz. Wir haben alle ein arges, hinterlistiges Herz. Wir haben alle einen Feind, der uns den Tod geschworen hat und der es hinauszuführen gedenkt. Wenn er uns nicht länger in offenbarer Sünde und im Unglauben halten kann, dann kehrt er die Sache um und versucht, in unser falsches Herz einen Trost, eine Ruhe einzuflößen, die ebenso sicher zu seinem Ziele führt, den Trost nämlich: „Du bist jetzt ein erleuchteter evangelischer Christ, du bedarfst nichts mehr, alles ist wohl.“ Und wenn er es uns auch nicht in so wohlgeordneten Gedanken sagt, bringt er uns in Schlaf und Gleichgültigkeit, so dass die Folge dieselbe sein wird. Man wird satt und mit seinem Standpunkt zufrieden und kümmert sich nicht um eine Erneuerung und um ein Wachstum in der Gnade und Erkenntnis unseres Herrn Jesus Christus. Wer aber wirklich die Lehre des Evangeliums anwendet und dasselbe nicht nur im Verstande und im Munde hat, sondern auch seine Kraft zum Glauben und Frieden, zur Freude und Gottseligkeit haben will, der wird nie auslernen, sondern fühlen, wie viel ihm noch fehlt.
Und gerade hier ist die Ursache, weshalb wir so viel Aufhebens von der geistlichen Sattheit machen, dass sie nämlich von einem Stillstande, einem begonnen Aussterben des eigentlichen Gnadenlebens zeugt. Du führst vielleicht einen sogenannten christlichen Wandel, hältst deine gottesdienstliche Ordnung mit deinen festgesetzten Andachtsübungen und guten Werken; du kannst auch in Wahrheit sagen: „Meine Sünden sind mir vergeben; da und dort empfing ich die Versicherung des Glaubens.“ So bist du zufrieden, alles ist wohl, du stehst am Ziele. „Ja“, fragst du, „sind wir denn nicht wirklich am Ziele? Ist denn nicht wirklich alles wohl?“ — Ja, wenn du jetzt im Glauben stehst und in Christus lebst, dann ist gewiss alles wohl mit deiner Gerechtigkeit vor Gott. Beachte! Vor Gott in Christus bist du vollkommen, dass du es nie genug glauben kannst. Gott gebe dir Gnade, diesen Punkt immer klarhalten zu können! Aber auch dann, und gerade dann, wenn es richtig um dein Gnadenleben steht und alles vollkommen gut vor Gott ist, musst du fühlen, dass dir noch beständig etwas fehlt; dann musst du die Gesinnung des Apostels Paulus haben, der da spricht: „Ich bin noch nicht am Ziele, ich trachte aber danach“, dann musst du die vielen Mängel in deinem Gnadenleben, deinem Glauben, deiner Freude am Herrn, deiner Liebe und Gottesfurcht fühlen; dann musst du einen täglichen Hunger und Durst nach der Gerechtigkeit haben, wie du es hier an dem Apostel Paulus siehst.
III/361





Diese Tagesandacht stammt aus dem „Täglichen Seelenbrot“ von Carl Olof Rosenius. Die Andachten des gesamten Jahres sind in Buchform hier erhältlich.


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