Zum 25. Juni



Der euch den Geist reicht ..., tut Er es durch des Gesetzes Werke oder durch die Predigt vom Glauben? - Gal. 3, 5

Viele reden, denken und träumen von der Heiligung und von dem Geist, wissen aber nicht, worin sein Werk besteht; es ist ihnen nur Traum und Ahnung, keine wirkliche Tatsache. Dagegen sagt die Schrift eindeutig, worin sie besteht. Paulus sagt: „Die Frucht des Geistes ist Liebe, Freude, Friede, Geduld, Freundlichkeit, Gütigkeit.“
Die erste Frucht des Geistes ist also die Liebe. Sie ist auch die einzig richtige Quelle aller Heiligung und aller guten Werke. Kann man jemals durch Vorsatz, Ernst, Gebote oder Gesetze oder durch Kampf und Streit sich Liebe verschaffen? Ist es nicht eine allgemeine Regel, dass niemand über die Liebe befehlen kann? Was ich liebe, das liebe ich, auch wenn Gott es verbietet. Wie soll ich dann aber Liebe zu Gott empfangen? Jesus erklärt dies bei Luk. 7: „Diese Liebe entsteht nur durch Gottes Vergeben der Sünden und durch die Annahme dieser Barmherzigkeit Gottes. Wem viel vergeben wird, der liebt viel, wem weniger vergeben wird, der liebt weniger. Ein Mann hatte zwei Schuldner. Einer war fünfhundert Groschen schuldig, der andere fünfzig. Da sie aber nicht hatten zu bezahlen, schenkte er es beiden. Sage an, welcher unter ihnen wird ihn am meisten lieben?“ Als der Pharisäer Simon erkannte, dass derjenige am meisten liebte, dem am meisten geschenkt wurde, macht Jesus die Anwendung: „Du, Simon, hast so viel Frömmigkeit, dass du Mich nicht wie die anderen Pharisäer verschmäht, sondern Mich sogar zu deinem Tische geladen hast; aber diese Frau, diese große Sünderin, netzt Meine Füße mit Tränen der Liebe und trocknet sie mit den Haaren ihres Hauptes und kann nicht damit aufhören, Meine Füße zu küssen. Du dagegen hast nicht einmal Meinen Mund geküsst und Mir nicht einmal Wasser gegeben, Meine Füße zu waschen. Obwohl sie eine große Sünderin ist und du ein großer Heiliger sein willst, so hat doch sie den Geist und du hast ihn nicht. Sie hat die Früchte des Geistes, aber du hast des Gesetzes Werke. Also ist sie eine wahre Heilige und du ein falscher Heiliger.“ — Kurz: Wem mehr vergeben wird, der liebt mehr. Dies ist darum auch die einzige Weise, Liebe in den Herzen der Kinder Adams zu entzünden, dass „Ich ihnen alles vergebe, was sie getan haben; dann lieben sie Mich“. Das war der Sinn der Rede Jesu von der Entstehung der Liebe.
Ebenso ist es mit den übrigen Früchten des Geistes bewandt. Der Apostel nannte ferner Freude und Frieden. Kann man durch Gesetze und Gebote oder durch Zwang zur Freude gebracht, wirklich froh gemacht werden? Nein, sich in Gott freuen, sich über den Heiland freuen, dazu kann sich kein Mensch zwingen. Einen wirklichen Frieden in Gott, eine innere Freudigkeit des Herzens mit anderen Früchten des Geistes kann kein Mensch sich selber nehmen. Alles, was eigentlich das Werk des Geistes ist, wird nur dadurch empfangen, dass ich, während ich noch nicht heilig geworden bin, als ein Sünder begnadigt und von der Liebe des Heilandes und von Seiner Vergebung ergriffen werde, wie die Sünderin ergriffen wurde. Dann erst empfange ich die Liebe und andere Früchte des Geistes.
Aber hier denken viele: „Gewiss glaube ich an Christus; wer sollte nicht an Christus glauben! Wohl glaubt man, - eher mangelt es am Wandel.“ Diese beweisen mit ihrer Rede, dass sie nicht wissen, was der Glaube an Christus besagen will. Sie meinen, dass sie an Ihn glauben, wenn sie alles für wahr halten, was von Ihm geschrieben steht, ja, wenn sie auch alles, was Er für uns getan hat, für wohlgetan ansehen, so dass es nicht nötig ist, mehr daran zu denken. Dagegen haben sie ihre ganze Sorge auf sich selber gerichtet und haben darin Trost, wenn alles wohl und richtig mit dem Wandel geht. Wenn sie sich aber etwas schwerer versündigt haben, fliehen sie zu ihrer Reue, ihrem Gebet und ihrer Besserung, um dadurch Gnade und Frieden mit Gott zu erhalten. Aber glauben sie da nicht an sich selber, auch wenn die Erkenntnis und das Bekenntnis dem Worte gemäß sind? Wer wirklich an Jesus glaubt, hat seine ganze Aufmerksamkeit auf Ihn gerichtet, hat seine Sorge und seine Freude an Ihn geknüpft, blickt auf Ihn und hat seinen alleinigen Trost in Ihm. Denn ein rechter Christ ist mit sich und seiner eigenen Arbeit zuschanden geworden, hat darum auch gelernt, dieselbe für Elend und Tand anzusehen und hat jetzt alles in Christus, sowohl seine Gerechtigkeit als auch seine Heiligung. Ein solcher bekennt: „Gewiss scheint es mir auch, dass ich selber mehr arbeiten und nicht so viel glauben sollte, ja, ich fürchte zuweilen, dass ich zu viel glaube und wieder unter das Gesetz müsste, um ernster und dadurch frömmer zu werden. Wenn ich aber aufs Neue meiner Erfahrung gedenke, dann zeugt diese von demselben, was die Schrift sagt. Denn solange ich mit des Gesetzes Werken umging, war ich in der Tiefe meines Herzens kalt gegen Gott und hatte keine innere Lust und Liebe zu Ihm und Seinen Wegen. Zudem verblieb ich immer als Sklave unter gewissen Sünden und wurde inwendig von einer verzehrenden Unruhe geplagt. Als ich hingegen den Heiland kennenlernte und Seine Gnade sowie die Zusage der Vergebung der Sünden glauben konnte, erhielt ich sofort eine wunderbare Lust und Kraft zum Guten, einen warmen Geist, eine Liebe und Lust, die alles leicht machte, so dass das, was mir zuvor schwer war, jetzt gleichsam wie von selbst ging. Und alles dies geschieht noch immer: Wenn ich in einen gesetzlichen Sinn gefangen werde, bin ich kalt und schwach. Wenn ich dagegen Frieden in Christus erhalte, empfange ich wieder neue Lust und Kraft zum Guten.“ - Ja, so ist die Erfahrung eines Christen, und sie stimmt mit der Schrift überein. Der fromme Sinn und Geist, der nicht auf diesem von der Schrift gelehrten Wege entsteht, ist nicht der wahre.
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Diese Tagesandacht stammt aus dem „Täglichen Seelenbrot“ von Carl Olof Rosenius. Die Andachten des gesamten Jahres sind in Buchform hier erhältlich.