Zum 22. Juni



Wenn ihr stille bliebet, so würde euch geholfen. - Jes. 30, 15

Welch eine beklagenswerte Not und welch entsetzlicher Schade, dass nicht alle Menschen wissen, was sie an dem Herrn Christus haben und was durch Seinen Tod geschehen ist! Es ist wahr, viele sind sichere, schlafende, leichtsinnige Verächter der Gnade, sie werden einst „sehen, in welchen sie gestochen haben“. — Ihr alle aber, die ihr eure Sünde und euer Urteil unter dem Gesetz kennt, gern zu Gott zurückkommen wollt, es aber nicht wagt wegen des Vielen, was euch fehlt, hört, hört! Dass das Gesetz und das Gewissen euch verdammen, ist nicht verwunderlich, denn an Sünden fehlt es nicht. Ihr könnt nicht tun, was ihr sollt, nicht einmal genug bereuen, nicht lieben, nicht wachen und nicht streiten, sondern alles, was das Gesetz fordert, das fehlt euch, und was das Gesetz verbietet, das fließt über.
Aber hört nur! All dieses jämmerliche, unveränderliche, verdammliche Elend hat Jesus auf sich genommen. Christus, der von keiner Sünde wusste, ist von Gott für uns zur Sünde gemacht, „für uns“, „für uns zur Sünde gemacht“ — „auf dass wir Gottes Gerechtigkeit würden in Ihm“. „Christus hat uns erlöst von dem Fluch des Gesetzes, da Er ward ein Fluch für uns.“ Was sollte Er mehr tun? Ist das nicht genug?
Wer verdammt dich nun, o Mensch? Gott, der Vater, verdammt dich nicht; denn Er ist vollkommen mit dem zufrieden, was Jesus getan hat, und bittet dich darum, sogleich zu kommen. Der Heiland verdammt dich nicht; denn Er hat Sein Blut und Leben dahingegeben, um dich selig zu machen. Er spricht: „Kommet her zu Mir alle, die ihr mühselig und beladen seid, Ich will euch erquicken.“ Der Geist verdammt dich auch nicht; denn Er erklärt den Seelen Christus und ruft und lädt zur Hochzeit.
Wer verdammt dich dann? Es ist der Unglaube, der dich verdammt. Es sind der Teufel und das arge Herz, die dir Unglauben einflößen und dich verdammen, indem sie sprechen, es sei mit dem, was Christus getan hat, nicht genug. Erbebe vor dem Unglauben! Bitte vielmehr Gott um den Glauben und lasse Ihn nicht, bevor Er deinem Herzen nicht eingeprägt hat: „Es ist genug, was Jesus getan und gelitten hat.“ — Und wer in seinem Elend sein alles in allem und sein Genüge in Christus erhalten hat, der ist errettet, der hat den Glauben, der ist ein Christ, der erkennt Christus und hat das ewige Leben.
„Ja“, sagt mancher, „ich weiß dies alles von Christus, halte es auch für wahr, aber ich erhalte daraus keine Kraft für mein Herz, es bewirkt nicht das Leben, den Trost, den Frieden, die Freude und die Kraft, wie es sollte.“ — Ja, es ist wahr, „der Glaube ist nicht jedermanns Ding.“ Mancher hat dies Wissen von Christus, diesen „historischen“ Glauben, hat aber nie die Lieblichkeit und Kraft geschmeckt, die der wahre, lebendige, aneignende Glaube mit sich bringt. — Andere wieder bezeugen durch diese Klage nur ein Dürsten nach Gefühlen und lieblichen Empfindungen der Gnade, der Liebe und der Nähe des Heilandes. Sie haben wirklich Glauben, haben nämlich in Christus ihren einzigen Trost und Schatz, ihr alles in allem; sie haben durch den Glauben auch einen neuen Sinn erhalten und wissen deutlich die Zeit, in der sie unter dem Gesetz waren, von der Zeit zu unterscheiden, in der sie unter der Gnade lebten. Sie entsinnen sich dabei auch dessen, welche lieblichen Gefühle sie anfangs hatten, und dürsten jetzt wieder nach ihnen, sollten aber bedenken, dass die Schrift nie von Gefühlen, sondern nur vom Glauben an Christus, vom Glauben an das bloße Wort redet, mag das Gefühl lieblich oder bitter sein. Sie sollten bedenken, dem Heiland darin zu gehorchen, damit zufrieden zu sein, wenn es Ihm gefällt, sich zu verbergen und dadurch ihren Glauben zu prüfen, wie Er es mit der kananäischen Frau tat, und sie sollten erkennen, wie lieb es Ihm war, als sie dennoch glaubte, so dass Er geradezu eine herzliche Lust daran hatte und ausrief: „O Frau, dein Glaube ist groß, dir geschehe, wie du willst“ — und dann durfte sie schmecken und sehen, wie lieblich Er war. Lasst auch uns dem Heiland diese Freude bereiten! Er hat keine größere Freude an uns, als wenn wir an Ihn glauben.
Es ist aber auch unbedingt nötig, wirklich zu glauben, d. h. in aller Sorge über sich selber, in allem Elend, in aller Sünde und Anfechtung wirklich in Christus seinen Trost, sein Fundament, seine Gerechtigkeit und seinen Frieden zu haben. Und damit wir diese Kraft aus dem Wort empfangen, damit Gott, der die Gabe des Glaubens in Seiner Hand hat, uns einen wirklichen und lebendigen Glauben geben kann, ist es vor allem notwendig, still und einfältig auf einen gewissen Teil des Wortes Gottes, einen gewissen Kernspruch von Christus achtzugeben und denselben ruhig, tief und ernstlich zu betrachten, „denn der Glaube kommt aus der Predigt.“
Viele verscherzen die Gnade Gottes einfach dadurch, dass sie beständig die Gedanken bald hierhin bald dorthin wenden und die Augen nicht eine Stunde lang ruhig auf den Gekreuzigten richten können. Sie wollen nicht glauben, dass alles durch den Heiland gutgemacht wurde. Darum haben sie so vielerlei Sorgen, dass das Wort nie in ihre Herzen hinein dringen und des Glaubens Leben und Kraft bewirken kann. Ein brausendes Meer kann auch von den heißesten Sonnenstrahlen nicht erwärmt werden, während eine stille Fläche das Licht und die Wärme der Sonne leicht aufnimmt. Genauso ist es auch mit dem Herzen bewandt.
II/166

In Christi Wunden hast du Schutz;
In Christi Wunden kannst du Trutz
Den Feinden bieten jederzeit,
Bis du gelangst zur ew’gen Freud.

In Jesu Blute wasch dich rein,
In Jesu Wunden hüll dich ein,
Auf Jesu Tod stirb unverzagt,
Das Leben ist dir zugesagt.