Zum 16. August



In der Tugend Erkenntnis. - 2. Petr. 1, 5

Nachdem Petrus die Gläubigen ermahnt hat: „So wendet allen euren Fleiß daran, dass in eurem Glauben Tugend erfunden werde“, fügt er „und in der Tugend Erkenntnis“ hinzu. Ein merkwürdiges Wort, aber reich an gesunder Lehre, und das auch für die eifrigsten Christen. Was bedeutet es denn? Das Wort im Grundtext bedeutet auch „Weisheit“, „Verständigkeit“. Hierin liegt folgende Lehre: Ein wahrer Christ soll nicht nur „Tugend“, heiligen Eifer und Kraft ausüben, sondern auch zusehen, dass er sie in der verständigsten Weise ausübt, mit Weisheit und Unterscheidung. Er darf nicht blindlings zuwege gehen, sondern muss mit Gebet um Erleuchtung durch den Geist des Herrn beständig bedenken, was für jeden Fall das Weiseste und zur Förderung der Ehre Gottes und zum Wohl der Menschen das Dienlichste ist. Ist nicht auch dies eine höchst wichtige Ermahnung? Wenn wir recht bedenken, welcher Tausendkünstler der Satan ist, um uns irrezumachen, und wie viel Schaden und Ärgernis es hervorruft, wenn ein Christ in wohlgemeintem Eifer eine „Torheit in Israel“ begeht, dem Lästerer Raum und den schwachen Seelen Anstoß gibt — ach wie wichtig muss es uns dann sein, mit Furcht vor unserem eigenen Geist Gott beständig um Sein Licht zu bitten und zu suchen, immer mehr Erkenntnis darüber zu erhalten, was „Gottes guter, wohlgefälliger und vollkommener Wille“ ist.
Aber welch ein aufrichtiger Geist und welche scharfe Aufmerksamkeit aufs Herz sind hier erforderlich, damit sich unter dem Vorwande dieser Weisheit kein Schalk verbirgt, wenn man in Wirklichkeit doch nicht die Ehre Gottes und das Wohl der Seelen, sondern nur Menschengunst und fleischliche Ruhe sucht, so dass deine Weisheit und Vorsicht eigentlich ein Entweichen der Natur von dem Kreuze, von dem Hass und der Verfolgung der Menschen ist. Ach wie ist das Herz so falsch, wie ist der Weg so schmal! Der eine verachtet die Lehre von der Demut und der Weisheit unter dem Vorwand der „Aufrichtigkeit“ und des heiligen Eifers; der andere ist ein dummes Salz, das seine Kraft verloren hat, und der sich deshalb so leicht nach dem Geschmack aller richten kann, dies aber Weisheit und Vorsicht nennt. Wie notwendig ist es, scharf aufs Herz achtzugeben, auf die Beweggründe, ob du wirklich die Ehre Gottes und das Wohl der Menschen suchst und förderst oder ob es nur Menschengunst und fleischliche Ruhe ist.
Wir wollen nun mit einigen Beispielen aus unseren jetzigen Verhältnissen zeigen, was das heißt: „In der Tugend Erkenntnis“. Es ist Tugend, es ist heiliger Eifer und heilige Kraft, dass du für die Ehre Gottes und das Wachsen Seines Reiches eiferst, die Schlafenden zu wecken und die Unsittlichen zu ermahnen suchst. Aber „Erkenntnis“, Verstand und Unterscheidung ist dieses, dass du auch die rechte Weise und den rechten Augenblick beachtest. Der rechte „Augenblick“ ist im Allgemeinen der erste, oder, wenn du die Sünde, die du siehst, sogleich strafst. Die Weisheit aber erfordert oft, dass du nicht so handelst, wenn z. B. dein Nächster gereizt ist oder wenn er sich soeben gegen dich vergangen hat; denn dann wird deine Ermahnung als eine Äußerung deines gekränkten Gefühls aufgenommen. Wähle im Gegenteil eine Gelegenheit, wo zwischen dir und ihm das beste Einvernehmen herrscht, so dass er einsehen kann, dass du von der Liebe getrieben wirst. Die übliche Weise ist, die Bestrafung nach dem Versehen zu bemessen, einen schwereren Fehler also härter und einen geringeren gelinder zu strafen. Die Weisheit aber lehrt oft, dass man auf den Zustand der Person achten muss. Wenn es eine stärkere und selbstzufriedenere Person ist, musst du schon den geringsten Fehler strafen, wenn es dagegen ein schwacher, zarter Jünger ist, musst du entweder ganz schweigen oder aber die gelindesten Worte gebrauchen und zu verstehen geben, dass du selber die Macht des Versuchers und deine eigene Schwachheit fühlst, das Gute an deinem Bruder erkennst und ihn auch in seiner Trauer über seine Sünde tröstest, ihn aber vor der Sünde warnst.
Noch ein Beispiel: Es ist Tugend, es ist heiliger Eifer und heilige Kraft, dass du alles eitle und lose Wesen verabscheust — wie z. B. Eitelkeit und Überfluss in Speise, in Kleidung und Hausgerät, Leichtsinn und Unbedachtsamkeit im Umgang — und dich ernstlich auf die Kreuzigung des alten Menschen legst sowie unter Mitchristen dafür eiferst. Aber auch hier sollst du Verstand und Unterscheidung anwenden, so dass du auf den Nutzen und den Zweck blickst, nämlich auf die Ehre Gottes und auf dein und anderer Menschen Wohl, und danach das Maß und den Grad für jeden einzelnen Fall einrichtest, dass du dabei aber nicht in ein blindes Formwesen gerätst, wie es etwa die Geistlichkeit der Pharisäer und ähnlicher Heiliger ist. Blicke ich auf den Zweck, z. B. des Fastens und der Mäßigkeit in Speise, Kleidung, Schlaf, Hausgerät usw., dann muss ich zuweilen mehr, zuweilen weniger streng sein, je nachdem es die Umstände erfordern, also strenger leben, wenn es nötig ist, z. B. zur Kreuzigung meines eigenen Fleisches oder weil es die Sitte der Frommen an dem Orte erfordert oder wegen meiner irdischen Verhältnisse usw., aber dagegen weniger streng, wenn die Umstände diese Veränderung erfordern, d. h. wenn eine solche Veränderung dienlicher ist, die Sache des Herrn sowie mein Wohl oder das der Mitmenschen zu fördern. Der Apostel ermahnt: „Ihr esst nun oder trinket oder was ihr tut, so tut es alles zu Gottes Ehre.“ Ein solches Achtgeben auf die Umstände, auf den Zweck, auf die Vorschrift der Liebe und Weisheit für jeden Fall, das ist „in der Tugend Erkenntnis“ Gutes tun, Nutzen schaffen. Darauf sieht Gott, wenn es unseren Wandel gilt.
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Diese Tagesandacht stammt aus dem „Täglichen Seelenbrot“ von Carl Olof Rosenius. Die Andachten des gesamten Jahres sind in Buchform hier erhältlich.