Zum 23. Juli



Wir leben oder sterben, so sind wir des Herrn. - Röm. 14, 8

Dies ist das Geheimnis und die Höhe des Lebens der Gläubigen hier auf Erden. Mit ihrem ganzen Leben, ihrem Dasein und auch mit ihrem Sterben sind sie des Herrn, der sie erschuf, erlöste und heiligte. Sie sind Sein, nicht nur wegen des Bundes mit Ihm, sondern auch ihrem Geist und ihrer ganzen Lebensrichtung nach.
„Denn unser keiner lebt sich selber.“ Die geistlich Toten können nichts anderes tun, als „sich selber zu leben“, für ihre eigene Rechnung und nach ihren eigenen Lüsten, „frei von der Gerechtigkeit“. Dass dagegen die Gläubigen in ihrem Geiste und in ihrer ganzen Lebensrichtung wirklich dem Herrn leben, kommt daher, dass die Neugeburt und das geistliche Leben nicht nur Gedanken und Vorstellungen, sondern eine Wirklichkeit sind, die sich in Kräften und Eigenschaften beweisen, die nicht in der Natur vorhanden sind. Unter diesen ist die auszeichnendste die, dass wir nicht mehr uns selber leben, sondern jetzt im Herrn, in Seiner Sache, Seiner Ehre und Seinem Wohlgefallen unser höchstes Lebensziel haben, wie gut oder wie schlecht es uns auch gelingen mag, das, was wir innigst wünschen und dem wir nachstreben, im Werk und in der Tat auszuführen. Geht es nicht vollkommen im Wandel, sondern fangen wir in irgendeiner Sache an, uns selber zu leben, dann ist dies ein Abweichen von unserm innersten Willen, das wir dann selber strafen.
"Und keiner stirbt sich selber." Auch hinsichtlich seines Sterbens ist der Christ nicht mehr sein eigen, sondern des Herrn und Ihm ergeben. Er hat weder das Recht noch den Willen, nach eigenem Belieben etwa wegen seiner Ehre sein Leben aufs Spiel zu setzen. Wenn er es opfern muss, dann soll es nach des Herrn Befehl geschehen. Der Apostel sagt: „Ihr seid nicht euer selbst, ihr seid teuer erkauft.“ Nur wenn der Herr es will, sollen wir willig sein, unser Leben zu opfern, dann aber auch in jeder Weise oder zu jeder Zeit, die dem Herrn gefällt. Ein gläubiger Christ darf in Bezug auf sich selber weder zu leben noch zu sterben wünschen. Er muss immer so sprechen: „Wenn Gott will, dass ich noch länger hier auf Erden bleiben soll, dann will ich es auch; wenn Er mich dagegen heimnehmen will, dann will ich nicht mehr auf Erden sein.“ Wir versündigen uns das eine Mal mit dem Wunsch auf ein verlängertes Leben, das andere Mal dadurch, dass wir uns selbstsüchtig den Tod wünschen. Alles, was wir sind und haben, auch unser Leben, ist des Herrn und muss Ihm überlassen sein.
"Leben wir, so leben wir dem Herrn." Dass wir dem Herrn leben sollen, bedeutet, dass wir unser Leben, unser ganzes Dasein als des Herrn Eigentum betrachten und deshalb auch in allen Fällen als Seine Knechte handeln. Es bedeutet, dass wir in allen Dingen auf Seinen Willen als auf die alleinige Richtschnur alles dessen blicken, was wir tun oder uns vornehmen, so dass Seine Ehre und Sein Wohlgefallen unser alleiniges Augenmerk sind. Es bedeutet auch, dass wir in allem, was wir hier im Leben erfahren, uns Seiner Leitung überlassen, in der Freude wie in der Not — was immer es auch sei, das Er uns geben oder nehmen mag —, und dass wir Ihm alle unsere Gaben und Kräfte opfern wollen.
"Sterben wir, so sterben wir dem Herrn." Wie unser ganzes Leben des Herrn und Ihm geheiligt ist, so auch unser Sterben. Wenn wir darum eines natürlichen Todes sterben, dann geschieht es in dem Bewusstsein, dass wir des Herrn sind. Darum wollen wir auch zufrieden sein, wann und wie es Ihm gefällt, uns abzurufen. In gewissen Fällen hängt unser Tod aber auch von unserer eigenen Wahl ab, wie etwa, wenn der Märtyrer unter einer blutigen Verfolgung dem Tode entgehen könnte, indem er das Evangelium verleugnete; oder wenn der Missionar bei einem gewissen Unternehmen zur Rettung der Seelen eine bestimmte ihm drohende Todesgefahr vor Augen hat; oder wenn der Krieger, der Ordnung Gottes gemäß, sein Leben wagen sollte, dasselbe aber durch die Flucht retten könnte. In allen solchen Fällen ist ein Christ sowohl dem Geiste nach willig, als auch verpflichtet, lieber sein Leben zu opfern, als seine Treue gegen Gott und Seine Sache oder Ordnung zu brechen. Und wenn er so um des Herrn willen sein Leben opfert, dann heißt dies auch, dass er „dem Herrn stirbt“.
"Darum — wir leben oder sterben, so sind wir des Herrn." Wir sind sowohl im Leben als auch im Tode Sein Eigentum und Seine Knechte. Einen solchen Trost und Vorzug haben nur die Gläubigen. Wo sie auch sind, im Leben, im Tod oder nach dem Tode, so sind sie des Herrn Eigentum und Gegenstand Seiner vollen Liebe und treusten Fürsorge. Sie sind immer in den Händen dessen, dem „alle Gewalt im Himmel und auf Erden gegeben ist“. Während wir auf Erden leben, sind wir doch Seine Kinder und Knechte, in Seiner unsichtbaren Gemeinschaft; und wenn wir abgerufen werden, dann werden wir „daheim bei dem Herrn“ sein, um Ihn auf ewig zu sehen, wie Er ist. Hier sind wir des Herrn, zunächst dem Glauben und dem Gewissen nach, ferner der Liebe und dem Dienen nach. Und sterben wir, dann sind wir auch des Herrn Eigentum, und Leib und Seele sind in Seiner Obhut. Der Leib ist in seiner geheimnisvollen, aber sicheren Verwahrung verborgen bis auf den Tag der Auferstehung, um dann unverweslich zum ewigen Leben wiederhergestellt zu werden; die Seele ist im Paradiese Gottes, in der Gemeinschaft Christi und Seiner Heiligen, bis an jenen großen Tag, an dem sie wieder mit dem „geistlichen Leib“ bekleidet wird, der dem verklärten Leib Christi ähnlich ist. Wer hier des Herrn ist, wird auch im Tode und in der Ewigkeit Ihm angehören. Es ist darum ein über alles Verstehen seliger Gedanke, dass „wir leben oder sterben, so sind wir des Herrn“.
Römer 14, 7–8