Zum 27. Mai



Habt euch untereinander brünstig lieb aus reinem Herzen, als die da wiedergeboren sind. - 1. Petr. 1, 22–23

Da die Liebe zu den Kindern Gottes eine Frucht und ein Zeichen der Neugeburt ist, so folgt daraus, dass eine Ermahnung zu dieser Liebe nur die wiedergeborenen Christen angeht. Möchte man sich darum nie vornehmen, den zu ermahnen, „der (nur) nach dem Fleische geboren ist“, dass er den liebe, „der nach dem Geist geboren ist“. Denn es wird immer eine vergebliche Arbeit bleiben, die alte Feindschaft zwischen der Schlange Samen und des Weibes Samen, (zwischen den Ungläubigen und den Gläubigen), aufzuheben. Nur die Gläubigen betrifft es, wenn der Herr Jesus und Seine Apostel ermahnen: „Habt euch untereinander brünstig lieb!“
Obwohl die Liebe vom Geist in unseren Herzen geboren ist und aus unserer Vereinigung mit dem Heiland wächst, bedarf sie doch — wie alle Geistesfrüchte — wohl gepflegt und bewahrt zu werden. Daher alle Ermahnungen und Aufforderungen der Schrift zur Liebe. Es ist ein großer Verlust und eine große Gefahr, wenn du deine Liebe zu den Brüdern verlierst. Zwar sind auch viele Umstände da, die diese Liebe abkühlen wollen. Unser abgesagter Feind, der wohl weiß, was er gewonnen hat, wenn er dich vom Bruderkreise trennen kann, zielt stets auf die Bruderliebe der Christen. Und er findet dafür in unseren eigenen Herzen gar viele Mittel. Wie diese Liebe aber eine so bezeichnende Frucht des Lebens in Christus ist, so ist sie auch stets von diesem Leben abhängig. Solange ich in gesunder Übung der Buße und des Glaubens stehe, liebe ich auch die Brüder. Darum liegt die erste und wesentlichste Ursache einer erkaltenden Liebe in einem geschwächten Gnadenleben.
Wenn ein irdischer Sinn anfängt, bei einem Christen überhandzunehmen, so dass er nicht mehr in täglicher Übung der Buße und des Glaubens, der Erkenntnis der Sünde und des Umfassens der Gnade lebt, dann fängt er sogleich an, kalt gegen die Brüder zu werden und statt der in ihnen wohnenden Gnade mehr ihre Fehler zu sehen. Auch hierin gehen die Worte aus dem Munde des Herrn in Erfüllung: „Weil die Ungerechtigkeit überhandnimmt, wird die Liebe in vielen erkalten.“ Daneben finden sich bei den Brüdern auch viel Unverstand und andere Unarten, die die Liebe abstoßen und erkalten lassen können. Endlich kommen zuweilen auch unterschiedliche Meinungen hinzu, die den Bruderkreis spalten. Gewiss betreffen die Meinungsverschiedenheiten nur weniger wesentliche Fragen, denn in der Hauptsache sind alle Gläubigen in der ganzen Welt einig. Dennoch aber können diese Nebenansichten der Liebe tödliche Wunden schlagen, wenn ich nicht verstehe, dass ein Bruder ein ebenso redlicher und begnadigter Christ sein kann, auch wenn er nicht alle Punkte im Worte Gottes so auffasst wie ich, oder wenn ich nicht verstehe, dass unter denen, die in gewissen Fragen andere Ansichten haben, auch gläubige Kinder Gottes sind. Denn daraus folgt, dass ich anfange, alle diejenigen zu verurteilen, die in irgendeiner Hinsicht anderer Meinung sind als ich. Ein solches Richten aber wird immer die Liebe verletzen. Etwas anderes ist es, wenn ich einer falschen Ansicht widerstehe und einen Fehler oder ein unverständiges Betragen meines Bruders strafe, etwa wie der Herr Jesus den Petrus strafte, als dieser das Schwert ergriff und als Er ihn ein anderes Mal „Satan“ (Widersacher) nannte. Solche Bestrafung lässt sich immer mit der Liebe vereinigen. Denjenigen aber zu verdammen, der in Christi Blut seinen einzigen Trost, sein Alles in Allem hat, ist ganz gewiss gegen die Liebe und tötet sie.
Dies geschieht auch, wenn diese Nebenfragen mir so groß und wichtig werden, dass sie den ersten Platz in meinem Herzen einnehmen, was sich dadurch beweist, dass alle, die in dieser Sache mit mir einig sind, auch wenn sie nicht in Christus leben, mir lieber werden als diejenigen Freunde Jesu, die in dieser Sache nicht mit mir einig sind. Es ist immer ein bedenkliches Zeichen, wenn eine Frage ganz oberflächlicher, ja weltlicher Bedeutung mir so wichtig wird, dass ich ihren ungläubigen Befürwortern mit aller Wärme und viel größerer Liebe begegne als den Geschwistern in Christus, „die mit mir denselben Glauben empfangen haben in der Gerechtigkeit, die unser Gott gibt und der Heiland Jesus Christus“. Sollte ein Mensch, der ein Feind meines Herrn ist und dem es noch nie in den Sinn gekommen ist, seine Versöhnung und seinen Frieden im Blute des Lammes zu suchen, oder der noch nicht als ein verlorener Sünder zu Jesu Füßen gelegen hat, sondern den Sohn verachtet und das Blut des Testaments unrein achtet, mir lieber sein als ein Freund Jesu, der in dem Tod und dem Schmerz des Lammes sein Alles in Allem hat und der ein Kind Gottes und mein Ewigkeitsbruder ist? Ist das nicht ein bedenkliches, ein furchtbares Verhältnis? Zeugt es nicht davon, dass jene Nebenfrage, die die Ursache von allem gewesen ist, mir wichtiger wurde als der Heiland, wenn die Menschen, die diese Ansicht mit mir teilen, mir lieber geworden sind als die Brüder in Christus?
Da die Liebe zu den Kindern Gottes also durch so viele Umstände erkalten kann, ist es sehr wichtig, genau auf sich sowie auf die vielen Gründe achtzugeben, die wir haben, die Gnadengeschwister zu lieben.
II/94

Die Welt, die blinde, soll unsre Liebe sehn,
Sonst ist geschwinde das Ärgernis gescheh’n.
Daran soll man die Jünger kennen,
Dass sie recht herzlich in Liebe brennen.




Diese Tagesandacht stammt aus dem „Täglichen Seelenbrot“ von Carl Olof Rosenius. Die Andachten des gesamten Jahres sind in Buchform hier erhältlich.


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