Zum 24. Mai



Er wird Seine Herde weiden wie ein Hirte. Er wird die Lämmer in Seine Arme sammeln und die Schafmütter führen. - Jes. 40, 11

Welch ein Trost, wenn man im Bewusstsein der Finsternis, der Falschheit und Unbeständigkeit des eigenen Herzens, im Bewusstsein der grausamen Absichten des Teufels, seiner List und Ausdauer und schließlich eingedenk der verwirrenden Mannigfaltigkeiten der „Winde der Lehre“ sich unsicher fühlt und sich davor fürchtet, irregeführt zu werden und verlorenzugehen — welch ein Trost, dann vom Herrn die Zusage zu haben, dass Er selber unser Hirte sein will. Bedenke, welch ein Trost für einen armen, seine totale Ohnmacht fühlenden Sünder, dass Christus die Sünder wie Schafe betrachtet, für die Er der gute Hirte ist, der lieber Sein Leben lässt, als dass das Schaf verlorengehen sollte. Welch ein Trost auch, wenn man mit Besorgnis auf die Gefahren der „kleinen Herde“ überhaupt blickt und sieht, wie vieles die Schafe irreleitet — welch ein Trost, dass Er, dem „alle Gewalt im Himmel und auf Erden“ gegeben ist, der Hirte der Schafe ist und für sie sorgen wird. Welch eine beruhigende Richtschnur zudem für alle Unterhirten, für „die kleinen Knaben“, wie Jesaja sie nennt, die von innen und außen mit der Frage bedrängt werden: „Weisest du den Schafen den rechten Weg? Behandelst du die Schafe richtig?“ — Ja welch ein Trost dieses entscheidende Beispiel des Herrn selber, der da spricht: „Ich bin der gute Hirte.“ Vor Ihm, dem großen Oberhirten, müssen wir uns einmal alle beugen, nach Ihm müssen wir uns richten, sonst sind wir wahrlich keine rechten Hirten. Wer Christi Geist nicht hat, der ist nicht Sein.
Das erste in diesem Thema Bedenkenswerte und einen armen Sünder Erfreuende ist dieses, dass wir hier sehen, wie Gott die Menschen nur als Schafe, als verlorene und ohnmächtige Schafe betrachtet, die sich unmöglich selber hüten und vor dem Wolfe bewahren können, sondern ganz und gar von einem Hirten abhängen. So hat der Herr überall den Menschen beschrieben und unausgesetzt darauf hingearbeitet, uns jene so tief in unser aller Natur liegenden Einbildungen zu nehmen und niederzuschlagen, dass wir selber Licht und Kraft besäßen, uns zu helfen und dass wir selber etwas verstehen und tun könnten. Gegenüber dieser falschen Vorstellung sagt das Wort: „Der Herr schaut vom Himmel auf der Menschen Kinder, dass Er sehe, ob jemand klug sei und nach Gott frage. Aber sie sind alle abgewichen und allesamt untüchtig; da ist keiner, der Gutes tue, auch nicht einer.“ Ja, wir sind so untüchtig, sagt der Apostel, dass wir nicht einmal tüchtig sind, etwas anderes zu denken als von uns selber. Gott muss sowohl „das Wollen wie auch das Vollbringen wirken“.
Eine solche Untüchtigkeit wird nun mit dem Bilde eines Schafes verglichen. Die Schafe sind unter allen Tieren die der Gefahr am meisten ausgesetzten, die wehrlosesten. Sie haben keine scharfen Zähne, um sich damit gegen den Wolf zu verteidigen. Zudem sind sie wegen ihres Mangels an Klugheit bekannt, derentwegen sie sogar zum Sinnbild für einen beschränkten Menschen wurden. Sind nicht auch wir besonders im Geistlichen bedenklich töricht? Die im Irdischen sonst klügsten Männer sind oft die größten Toren, sobald es ihre eigene Seele betrifft; und selbst die erleuchtetsten Christen sind gegenüber der „Tiefe des Satans“ immer verloren, wenn der Herr sie fahrenlässt. Auch wenn wir noch so deutlich sehen, was wir tun sollen, sind wir doch so ohnmächtig, dass wir oft rufen und jammern müssen: „Ich bin unter die Sünde verkauft; das Gute, das ich will, das tue ich nicht, sondern das Böse, das ich nicht will, das tue ich.“
Ach bedenke dies doch einmal, du, der du dein Herz mit der Frage von deinem eigenen Zutun zu deiner Seligkeit zermarterst! Falle nieder vor dem Herrn und bekenne mit David: „Ich bin wie ein verirrtes und verlorenes Schaf; suche Deinen Knecht!“ Bekenne, dass du gar nichts kannst, nicht einmal etwas Gutes zu denken vermagst. Begehre alles als eine Gabe vom Herrn. Wenn es Ihm gefällt, dir etwas zu geben, dann hast du es; wenn Er es nicht gibt, dann ist alles vergebens. Du bist ein schwaches und wehrloses Schaf.
Aber sieh nur weiter, welch ein unaussprechlicher Trost darin liegt, dass der Herr Christus sagt, Er stehe in dem gleichen Verhältnis zu uns wie ein Hirte zu seinen Schafen. Nun ist es die Sache eines Hirten, dass er für das Schaf Fürsorge trägt und nicht erwartet, dass das Schaf sich selber bewahre, sich vor dem Wolfe hüten, ihn überwinden soll. Vielmehr ist es der Hirte, der alles das tun soll, und zwar ohne Rücksicht darauf, ob die Schafe es wert sind oder nicht. Es gehört einfach zum Beruf eines Hirten. Bedenke darum: Wenn der Herr Jesus sagt: „Ich bin der gute Hirte“, so gestattet Er ja, dass ich Ihn dafür ansehe und gerade das von Ihm erwarte, was einem Hirten gebührt. Wem sollte ich glauben, wenn nicht dem Herrn selber?
IV/330

Hier wird nichts Gutes je vermisst,
Dieweil der Hirt’ ein Herr der Schätze Gottes ist.