Zum 02. April



Lobe den Herrn, meine Seele, und was in mir ist, Seinen heiligen Namen! - Psalm 103, 1

Hier stellt sich die Frage: Wie hatte David ein solches Herz erhalten? Wodurch war der Herr ihm so herzlich lieb geworden? Die Antwort lautet: Nur die Vergebung der Sünden und die Gewissheit derselben können einen Menschen recht glücklich, warm und brennend machen. Wenn ein Mensch auch alles glaubt, was die Schrift von Christus enthält, und es so gewiss glaubt, dass er tausendmal auf diesem Glauben sterben könnte, seine Sünden aber nicht fühlt, sondern vergnügt und selbstzufrieden einhergeht, dann erhält er durch all seinen Glauben keine Liebe, keine Freude, kein Leben in Gott, sondern seine ganze Gottesfurcht besteht nur im Wissen und in frommen Beobachtungen. — Und ferner: Wenn ein Mensch seine Sünden so fühlt, dass er nach Leib und Seele verschmachtet, die Glaubensgewissheit der Vergebung aber nicht erhalten hat, dann bleibt er ebenso kalt und tot, ob er sich auch in seinem Herzen zu Tode arbeitete, um es zur Liebe und Freudigkeit zu bewegen.
Hier sind immer die zwei Dinge erforderlich, die die Schrift vereinigt hat: Buße und Glaube, das Überfließen der Sünde und das Überfließen der Gnade. Dann aber, o welch ein neues Leben, welche Freude, welcher Friede, welch brennender Geist, welche Lust und Kraft zu allem Heiligen, wenn ich in meiner größten Unwürdigkeit die Versicherung des großen Gottes erhalte: „Deine Sünden sind dir vergeben, du bekommst Gnade für alles und sollst schon auf Erden in einem Reiche leben, wo keine Sünde dir zugerechnet wird; du sollst vielmehr vor Meinen Augen in allen Augenblicken angenehm und wohlgefällig sein.“ Hört es alle! Es ist schon oft gesagt worden, muss aber unausgesetzt wiederholt werden, da es immer wieder vergessen wird! Hört! Dies ist der einzige Weg, sowohl selig, als auch heilig zu werden, gerecht vor Gott und warm im Herzen, willig und geschickt zu allem Guten zu werden. Wenn ein Mensch aus seinem Sündenschlaf erweckt wurde und angefangen hat, Errettung zu suchen, oder wenn ein Christ über seine Versäumnis, Kälte und Sünde erwacht und in knechtischen Sinn versinkt, dann ist es gewöhnlich seine große Besorgnis, dass er Gott nicht so lieben kann, wie er sollte und wie er sieht, dass David oder andere Kinder Gottes Ihn geliebt haben. Dann ängstigt er sich, betet, arbeitet daran, lieben zu können und sein Herz warm zu machen; aber er kann es nicht; er bleibt dennoch ebenso kalt. Er bittet um Liebe, fühlt aber die gleiche Kälte. Er streitet gegen seine abgöttische Liebe zu anderen Dingen oder Personen, die ihm lieber geworden sind als Gott, aber er liebt sie trotzdem. Er ist unglücklich darüber, und, wie er meint, ganz mit Recht, denn er liebt Gott nicht.
Der Mensch muss dann, erleuchtet durch den Geist Gottes, endlich folgendes einsehen: Es sind die recht verlorenen Sünder, für die Christus kam, um ihnen zu helfen. Er kam, um für uns gerade das zu tun, was das Gesetz nicht in uns wirken konnte, gerade das, was dem Gesetz unmöglich war. Er hat Gott für uns geliebt, Er ist rein, heilig und gerecht gewesen für Ungerechte. Alles ist vollbracht, alles ist bereit. Der Sünder, wie elend er auch ist, wie unwürdig und ungeschickt, wie kalt oder warm, wie hart oder zerknirscht er ist, ist doch gerecht, heilig, ja „angenehm gemacht in dem Geliebten“. — Wenn ein Christ im Lichte des Glaubens solches sieht und völlig getröstet, frei gemacht und seiner Begnadigung gewiss wird, dann liebt er, dann kann er lieben, dann kann er es nicht lassen, einen so überaus gnädigen Gott und Vater zu lieben. In seinem Herzen ist nun ein neues Leben entstanden, er hat Freude, Friede, Liebe und eine innige Lust zu den Geboten und Wegen des Heilandes. Er kann nicht anders als Gott von Herzen zu loben und zu preisen, und er kann mit David singen: „Lobe den Herrn, meine Seele! Lobe den Herrn, der dir alle deine Sünden vergibt und heilet alle deine Gebrechen.“
So erhält man ein solches Herz, wie David es hatte. Religiös, weise, fromm und wohltätig zu sein, ohne aber diesen Weg, diesen finsteren, elenden Weg durch Sündennot zur Begnadigung in Christus gegangen zu sein, — ach das ist alles Betrug. Es macht wohl angenehmere Leute als die Welt, aber keine Christen, die „in Christus gekleidet“ sind. Denn ohne in Sündennot geraten zu sein, kann kein wahres Einkleiden in Christus geschehen. Es mag wohl angehen, hier ein tugendhafter, religiöser Mann zu sein; in dem Augenblick aber, da der König in den Hochzeitssaal tritt, „die Gäste zu besehen“, wird der Mann ohne hochzeitliches Kleid gefunden und — nach seiner ganzen Frömmigkeit am Hochzeitstische — in die „äußerste Finsternis“ geworfen werden. Man muss den Weg des David und den der Sünderin gehen! — Wie? Soll man denn sündigen, um selig zu werden? Ach nein, es gibt genug Sünden im Voraus! An Sünden fehlt es uns nicht; der Fehler ist nur der, dass wir sie nicht erkennen. Und du würdest schon Sünden sehen, mehr als du zu tragen vermöchtest, wenn du nur die Gnade erhieltest, Gott zu ehren, wenn nur „die Furcht Gottes vor deine Augen“ käme, wenn nur Gottes Heiligkeit anfinge, in dein Gewissen und dein Herz zu leuchten, so dass die Unreinheit des Herzens, seine Kälte, Heuchelei und sein Hochmut dir einmal zu großen Sünden würden. Wenn so das Herz selber angegriffen ist, dann wird die Not größer, dann wird aber auch die Gnade wahr und groß und überfließend, und dann wird das Herz „von neuem geboren“.
IV/99

Die Vergebung aller Sünd’
Gibt dem bangen Herzen Mut.
Die Vergebung aller Sünd’
Ist das allerhöchste Gut.
Seh’ ich meine Seelennot,
Geistlich’ Ohnmacht, Sünd und Tod,
In Vergebung meiner Sünd’
Ich dann Trost und Labsal find’.




Diese Tagesandacht stammt aus dem „Täglichen Seelenbrot“ von Carl Olof Rosenius. Die Andachten des gesamten Jahres sind in Buchform hier erhältlich.


(Neu) Andachten anderer Tage: Heute, Gestern, Vorgestern