Zum 24. Juni



Das Wort Gottes ist lebendig und kräftig und schärfer als ein zweischneidig Schwert und dringet durch, bis dass es scheidet Seele und Geist, auch Mark und Bein, und ist ein Richter der Gedanken und Sinne des Herzens. - Hebr. 4, 12

Gleichwie ein scharfes Messer bei guter Anwendung großen Nutzen tut, übel hantiert aber ebenso großen Schaden anrichtet, so auch das Wort Gottes. Es ist entweder „ein Geruch des Todes zum Tode“ oder aber „ein Geruch des Lebens zum Leben“. Gottes Wort ist nie ohne Wirkung, wenn es in das Herz dringt. Es ist der Sonne gleich. Allen Tageswesen ist das Licht der Sonne ein Mittel zum Wohlsein, zur Freude und Wirksamkeit, die Nachtvögel aber werden dadurch nur geblendet. Die Wärme der Sonne macht das Wachs weich, den Ton aber hart wie Stein. So ungleich wirkt auch das Wort Gottes. Die Juden z. B. waren gewiss auch vor der Ankunft Christi blind und hart; als Er aber kam, wurde ihre Blindheit, ihre Härte und Bosheit erst recht erschrecklich. Und Judas, der Verräter! Wer dessen Zustand recht betrachtet, muss erschrecken. Er war einer von den Zwölfen, hatte vieles gehört, gesehen und erfahren, es aber übel angewandt. Er hatte Christi Worte nicht in der rechten Weise gehört. Genauso geht es noch heute. Wir sehen viele, die durch tägliches Lesen beinahe die ganze Bibel auswendig können, dabei aber in ihrer Sünde und Sicherheit schlafen; und wir sehen andere, die gleichwie Judas in der Gemeinschaft mit Jesus und Seinen Jüngern lebten, die aber alles Gnadenleben im Herzen, alle Kraft und Beweisung des Geistes im Wandel verloren haben, obwohl sie fortfahren, das Wort zu gebrauchen. Diese sind dann nicht nur geistlich tot, so als ob sie Gottes Wort nie gehört hätten, sondern dazu noch siebenmal ärger, wie die Schrift sagt. So können die Früchte des Wortes Gottes sein, wenn es nicht richtig gebraucht wird.
Wird nun gefragt, was das besagen will, Gottes Wort richtig zu gebrauchen, so antworten wir: Dazu ist nur nötig, dass du es als Gottes Wort mit der Furcht, dem Gehorsam und dem Glauben annimmst, den der große Gott in Seinem Worte fordert. Es will wahrlich nicht nur gehört, gewusst und gefasst, sondern zu Herzen genommen, geglaubt und befolgt werden. Tue dies und du wirst nicht zuschanden werden. Der erste, gebräuchlichste und gefährlichste Missbrauch des Wortes ist der, sich nur predigen zu lassen, nur mit dem Verstand Gottes Wort zu lernen, nie aber anzufangen, danach zu tun. Dies war der Weg des Judas Ischariot zu seiner Verhärtung. Sobald du deshalb siehst, dass du etwas tun sollst, etwas haben musst, was du nicht hast, so suche es alsbald zu erlangen. Wenn du siehst, dass du die Sünde ablegen sollst, so tue es gleich. Denn durch bloßes Hören ohne Tun verhärtest du dein Herz. Wann soll darum deine Umkehr geschehen, wenn nicht jetzt? Oder wozu soll Gottes Wort dienen, wenn es nicht befolgt werden soll? Du kannst dann lieber aufhören, es zu lesen und zu hören, wenn du es doch nicht befolgen willst. Und wer soll das Wort Gottes befolgen, wenn nicht du, der du doch auch in den Himmel eingehen willst? Sieh, das ist gerade der Weg zum Verderben, andere Gottes Wort annehmen und befolgen zu lassen, es selber aber nur im Kopf zu haben.
Sagst du aber, dass du den Willen Gottes nicht zu tun vermagst, so fragen wir: Hat Gott zu viel gefordert? Ist Er unbillig in Seinen Geboten? Ist es nicht billig, dass du Ihn über alles liebst oder dass du deinen Nächsten liebst wie dich selbst? Mehr verlangt Er ja nicht von dir. Hast du denn alle deine Kräfte wirklich ernstlich angestrengt, um den Willen Gottes zu tun? Oder hast du dir bisher nur ganz wenig Mühe gegeben und bist sicher, hart und gleichgültig gewesen und hast dich leichtsinnig der Sünde ergeben? Ist es dann nicht billig, dass du als ein Verächter des Gesetzes Gottes verdammt wirst? Sieh, wenn du Gottes Wort ernstlich bedächtest und zu Herzen nähmest, dann würdest du bald anfangen, dasselbe zu befolgen und deine Kräfte an dieser Arbeit zu versuchen, und dann würde der Stolz der Unbußfertigkeit bald fallen, du würdest aus dem Sündenschlaf aufwachen und zu einer heilsamen Sündenerkenntnis gelangen, zu einer göttlichen Traurigkeit, die eine Reue zur Seligkeit „wirkt“. Und wenn du in deiner Not und Ohnmacht bisher deine eigenen Kräfte erfolglos angestrengt hast — jetzt wirst du genötigt, um den Geist Gottes zu bitten, und wirst — teils durch diesen Geist, teils durch deine inneren Erfahrungen — das rechte Licht in dem Wort Gottes erlangen, das Licht von oben herab. Ohne Erfahrung sind selbst die Hochgelehrtesten stockblind, denn ohne den Geist Gottes lässt sich das Wort Gottes nie verstehen. Luther sagt dazu: „Als Gott uns Sein Wort gab, sprach Er: Ich werde es wohl klar und deutlich schreiben und predigen lassen, werde es aber doch immer so machen, dass es auf Meinem Geist beruhen soll, wer es fassen soll." Darum sehen wir, dass diejenigen, die das Wort von sich aus zu verstehen meinen und es darum verschmähen, sich vor Gott zu demütigen, in der Finsternis verbleiben müssen.
Du wurdest dadurch erweckt, dass du das Wort als Gottes Wort schätztest. Ebenso wirst du auch zu einem rechten Glauben kommen, wenn du in deiner Sündennot, aus der du dir nicht selber helfen kannst, die frohe Botschaft von unverdienter Gnade in Christus mehr gelten lässt als alle Einwendungen und Widersprüche deiner Vernunft. Lass darum dein ganzes Leben hindurch Gottes Wort über deine Vernunft, über dein Herz und dein Leben herrschen und flehe zu diesem Zweck jedes Mal, wenn du zum Lesen und zum Hören des Wortes Gottes gehst, ernstlich um den Geist Gottes! Wisse, du wirst es dann nie vergeblich hören!
I/133





Diese Tagesandacht stammt aus dem „Täglichen Seelenbrot“ von Carl Olof Rosenius. Die Andachten des gesamten Jahres sind in Buchform hier erhältlich.


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