Zum 24. März



Auch eure Haare auf dem Haupte sind alle gezählt. - Matth. 10, 30

Scheint dir dies allzu viel zu sein und wird es dir schwer, es zu glauben, so öffne doch die Augen und blicke um dich. Oder bist du blind, dass du das nicht siehst, was schon die Vernunft zu sehen pflegt? Alles auf Erden Erschaffene ist für den Menschen da. Es gibt keinen Stein, keinen Baum, keinen Strohhalm, der nicht für den Dienst des Menschen bestimmt wäre. Selbst die Menge der Tiere ist für ihn erschaffen; er nimmt sie alle in seinen Dienst. Sagt dir dieses alles nicht, dass Gott eine besondere Fürsorge um den Menschen hat, dass der Mensch ein ganz besonderer Gegenstand Seines Herzens ist? Fange doch einmal an, die Schöpfung von hier aus zu betrachten, auch wenn du so ungläubig bist, dass du deinen Heiland zum Lügner machen kannst, der da sagt, dass unsere Haare auf dem Haupte alle gezählt sind. Er selber hat uns schließlich auf die Schöpfung hingewiesen (siehe Matth. 6). Können dir aber die Augen geöffnet werden, zu sehen, dass Gott in der Schöpfung den Menschen zum Gegenstand gehabt hat, dann muss dir dies zu einem gewaltigen Zeugnis dafür werden, was der Mensch für Gottes Herz ist und wie Er in allem, was Er uns zuschickt, zuerst auf unser höchstes Wohl, unsere ewige Seligkeit, bedacht sein muss.
Betrachtest du nun in diesem Lichte deine bittersten Erfahrungen, dann wirst du in allem, was dich betroffen hat, lauter göttliche Liebe und Treue finden. Du hast vielleicht dein ganzes Vermögen verloren und bist in die schwersten Besorgnisse um dich und die Deinen versetzt; oder du hast den besten Freund verloren, den du auf Erden hattest und ohne den du nicht leben konntest; oder du hast plötzlich die liebsten Hoffnungen begraben müssen, die du mit einem Herzen voll tiefer Gefühle lange gehegt hattest. — Das ist ganz gewiss bitter. Einst aber im Lichte der Ewigkeit wirst du sehen, dass auch nicht das Geringste all dieses Bitteren, das dich betroffen hat, ohne die Liebesabsicht Gottes (nämlich die Errettung deiner unsterblichen Seele) geschah, welches eine so große und für unseren alten Menschen so schwere Sache ist, dass ihm so tiefe Wunden geschlagen werden müssen. — Oder hast du vielleicht eine noch tiefergehende bittere Erfahrung gemacht? Nachdem es durch Gottes große Gnade der höchste Wunsch deines Herzens geworden war, dass dein ganzes Leben deinem Gott zur Ehre und vielen Menschen zum Segen gereiche, bist du durch unvermutete Versuchungen in ein solches Sündenelend geraten, dass du geradezu ein Ärgernis und eine Unehre für das Evangelium geworden bist oder es zu werden glaubst, — und du wolltest doch lieber viele Male gestorben sein, als solches zu erleben. Stille dein Herz! Auch etwas so unaussprechlich Bitteres lässt Gott Seine liebsten Kinder erfahren. Der gläubigste Jünger, der gern für seinen Herrn sterben wollte und es schließlich auch tat, sollte erst einmal bitterlich über die schreckliche Verleugnung weinen. Die am höchsten begnadigte unter den Frauen, auserwählt, die Mutter des Sohnes Gottes zu sein, sie, die einst so entzückt sang: „Von nun an werden mich selig preisen alle Kindeskinder“, sollte einmal eben dieses Kind so aus den Augen lassen, dass es drei Tage lang verloren war und sie sich in der tiefen Besorgnis ihres Herzens als die größte Sünderin verdammte, die die Ursache dazu war, dass der Erlöser der Welt verloren sein könnte.
Es ist das tiefe Verderben unseres Herzens und seine Neigung zur Selbstvergötterung und zu anderen Sünden, die mit so bitteren Erfahrungen ausgebrannt werden müssen. Lasst uns darum Gott und Seine hohe Gnadenabsicht mit uns schätzen, uns nämlich zu der ewigen Seligkeit im Himmel zu bringen. Mit allem, was Er zulässt oder uns zuschickt, will Er uns „reinigen“, läutern und in der Gnade befestigen, unseren alten Menschen töten, unseren Sinn heiligen, unseren Glauben, unser Gebet, unsere Demut und unseren Ernst mehren und uns dieses verführerischen Erdenlebens überdrüssig und sehnsuchtsvoll nach dem Himmel machen. Wenn wir verstehen, dass Gott mit allem, was Er uns zusendet, solche hohen, zärtlichen Absichten hat, dann lasst uns Ihn nur demütig und dankbar preisen für alles, was uns geschieht, und nie das goldene Wort vergessen, das mit dem Herrn Christus steht oder fällt: „Auch eure Haare auf dem Haupte sind alle gezählt.“
Siehst du dich einer so überaus großen Gnade gar zu unwürdig, so höre, was Offb. 5, 1–6 so feierlich von der Unwürdigkeit aller erschaffenen Wesen vor Gott gesagt wird: „Niemand im Himmel noch auf der Erde noch unter der Erde ward würdig erfunden, (auch nur) in das Buch hineinzusehen.“ Dennoch sollte Johannes nicht darüber weinen, denn es gab Einen, der würdig dazu war. Einer der Ältesten des Himmels sprach: „Weine nicht! Siehe, es hat überwunden der Löwe, der da ist vom Geschlecht Juda.“ Und da sah Johannes ein Lamm, „wie wenn es erwürgt wäre“. Ach dieser Anblick müsste uns durch Mark und Bein dringen und beständig vor unseren Augen bleiben, damit wir nie vergessen, dass nur das für dich und mich geschlachtete Lamm allein würdig ist; und nur um dieses Lammes willen gelten wir so viel vor Gott, dass „auch die Haare auf unserem Haupte alle gezählt sind, so dass ihrer keines ohne Seinen Willen von unserem Haupte fallen kann“.
IV/210

Mit dem zufrieden sei, was Gott je mag behagen,
In Lust und Not, in Sorg’ und Freudentagen.
Wenn du vor allem willst suchen Gottes Reich,
die Notdurft fällt dir zu alsdann sogleich.
Die Lilie kleidet Gott, die Vögel speist Er frühe
Und schützet alles ohne welche Mühe;
Zum Kleinsten Seine Güte strecket sich;
Wie sollte Er, o Mensch, vergessen dich!
Ein Kind ja sorglos ruht im Mutterschoße
Und ist geschützt vor Fall und jedem Stoße;
Sollt’ dann ein Gotteskind im Schoß der Gnad’
Nicht finden Hilf’ in Nöten, früh und Spat?