Zum 17. Februar



Wir wandeln im Glauben und nicht im Schauen. - 2. Kor. 5, 7

Es ist das besondere Geheimnis des Reiches Christi, dass es ein Glaubensreich ist, ein gegen alle Vernunft, alles Gefühl, Scheinen und Gutdünken streitendes Reich, unsichtbar, wundersam, geheimnisvoll. Wer das nicht bedenkt, es nicht oft bedenkt, der wird nie im Glauben beharren können. — Wir müssen bedenken, dass das Reich Christi dem Herrn Christus ähnlich ist; dass die Braut ihrem Bräutigam gleichen soll und dass es das auszeichnende Merkmal des rechten Christentums ist, dass wir „dem Bilde Christi ähnlich werden“. Johannes sagt: „Gleichwie Er (Christus) ist, so sind auch wir in dieser Welt.“
Wie aber war Christus in dieser Welt? Ist es nicht die Summe aller Erkenntnis Christi, dass in Ihm die größten Gegensätze vereinigt waren, die tiefste Erniedrigung und die größte Hoheit, die größte Sündenmasse (die der ganzen Welt) und die größte Herrlichkeit (Seine eigene), die größte Schmach und die größte Ehre? „Er ward der Allerverachtetste und Unwerteste, voller Schmerzen und Krankheit“, aber auch der Ehrenvollste, „der Glanz der Herrlichkeit Gottes und das Ebenbild Seines Wesens“. Er war ein Diener aller Diener, aber auch der König aller Könige und der Herr aller Herren. Er war der Ärmste, aber auch der Reichste.
Gleichwie nun Er war, so sind auch wir in dieser Welt. In den Gläubigen sind die größten Gegensätze vereinigt, die tiefste Erniedrigung (sogar bis zu einem verdammten Sünder) und die größte Erhöhung, Hoheit und Ehre (Gottes Kinder zu werden), das größte Sündenelend und die größte Gerechtigkeit und Reinheit, die größte Armut und der größte Reichtum, die größte Schwachheit und die größte Stärke. Das eine haben wir in uns, das andere in Christus. Das eine ist unser Erbe von Adam, das andere ist unser Erbe von Christus. Das eine wird in allen unseren Gliedern gefühlt und von unseren Sinnen empfunden, das andere ist unserer Vernunft und allen Sinnen tief verborgen und muss allein auf die Wahrhaftigkeit Gottes hin geglaubt werden. Doch geschieht es auch, dass Christus uns hin und wieder begegnet und uns wie den Thomas die Herrlichkeit Gottes sehen und fühlen lässt.
Aber es hält ungeheuer schwer, bevor wir uns in dieses Durcheinander, in diese entgegengesetzten Dinge finden und das glauben können, was nicht gefühlt wird, glauben können an die verborgene Gnade und Gerechtigkeit und nicht mehr nur das dem Entgegengesetzte sehen und fühlen. Diejenigen, die das Christentum nur als eine Wissenschaft, als ein Studium haben, können diese Kunst leider allzu wohl. Wenn das Reich Gottes aber bei einem Menschen nicht nur in Worten, sondern in Kraft zu bestehen anfängt, so dass er wirklich den Stachel der Sünde fühlt und wirklich seine Gerechtigkeit in Christus glaubt — welch eine große Schwachheit, Unreinigkeit und Kälte und welch einen gebrechlichen Glauben, welche Dunkelheit und Furcht muss er dann doch empfinden!
Welch hohe Kunst, welche große göttliche Gnade ist darum erforderlich, um mitten unter solchem Elend die unveränderte Freundschaft Gottes zu sehen und zu glauben sowie die verborgene Gerechtigkeit, Reinheit und Wohlgefälligkeit zu sehen, die wir in Christus vor den Augen Gottes haben, zumal da dieses Elend nie aufhört, sondern so unendlich, ja ärger und ärger wird. Wer wird in diesem Glaubenskampf beharren? Wenn ich auch von der einen oder der anderen Tatsünde ganz frei werde, so wird mir doch mein inneres Verderben immer unerträglicher und drückender. „Ich nur noch mehr anfange, zu sehn, wie schlecht ich bin, je näher ich gelange zum Gnadenthrone hin.“ Johannes sagt: „Gott ist ein Licht, und in Ihm ist keine Finsternis.“ Je näher man dem Lichte kommt, desto mehr sieht man seine eigene Unreinheit. Außerdem zieht Gott stets die fühlbare Gnade zurück, je nachdem der Glaube wächst und geprüft zu werden verträgt - oder aber wenn man eine tiefere Demütigung braucht. Dann entsteht ein Elend, eine Ohnmacht, eine geistliche Lähmung, eine Finsternis und eine Mutlosigkeit, währenddessen es einem nicht anders scheinen kann, als dass man abgefallen, tot, von Gott verlassen und in einen verkehrten Sinn dahingegeben sei. Ach welch eine schwere und hohe Kunst, jetzt zu glauben, jetzt diese dicken und schwarzen Nebel zu durchdringen und mitten unter der Sünde die Gerechtigkeit, mitten unter dem Tod das Leben, unter dem Sichverlassenfühlen die große Treue und Liebe Gottes uns anlächeln zu sehen. Dazu ist es erforderlich, allem gegenüber, was man sieht und fühlt, recht ernstlich die Augen zuzuschließen und nur auf das Wort Gottes zu blicken — ernstlich zu glauben, dass es mit unserer ganzen Gerechtigkeit vorbei ist und Gott uns keinen Augenblick nach dieser richtet, sondern nur auf das Verdienst Seines Sohnes blickt, so dass wir in Ihm allein rein und angenehm vor Gott sind, angenehm gemacht in dem Geliebten.
Hirtenstimme 1902/161

O welche Wunder sind doch die Christen,
Sind ja so selig und seufzen doch schwer,
Sind stets so herrlich, glauben’s beschwerlich,
Sind auf dem Felsen und ruh’n doch nicht sehr.

Wandeln im Glauben und nicht im Schauen,
Das ist die Regel — das Wort sie uns lehrt; —
Flücht’ge Sekunden wird nur empfunden,
Was uns in Wahrheit doch immer gehört.

Seele, bedenke, was du besitzest,
Nicht in dir selbst, nein, im Herrn Jesu Christ;
Rein, ohne Mängel, Schauspiel der Engel,
Nicht in dir selbst, nein, in Jesu du bist.




Diese Tagesandacht stammt aus dem „Täglichen Seelenbrot“ von Carl Olof Rosenius. Die Andachten des gesamten Jahres sind in Buchform hier erhältlich.


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