Zum 17. November



Nun aber sind wir von dem Gesetz los und ihm abgestorben, das uns gefangen hielt. - Röm. 7, 6

Der Apostel schildert hier das Gesetz als ein Gefängnis, in dem wir gefangen gehalten wurden. Seine Gebote und Urteile waren die Eisengitter, Türen und Schlösser, die uns zum Tode verwahrten. Zunächst muss beachtet werden, dass das Gesetz uns schon wegen der in unserer Natur liegenden Sünde verdammt, ja, wir haben die Sünde und den Tod als Erbe von Adam; und das Gesetz sagt: „Verflucht sei jedermann, der nicht bleibt in alledem, das geschrieben steht im Buch des Gesetzes, dass er es tue.“ Zum anderen: Wenn wir nicht glauben, dass wir schon verurteilt sind, ob wir jetzt auch nie mehr sündigten, sondern mit unserer Besserung unsere Schuld zu verkleinern suchten, um die Gnade Gottes zu gewinnen — dann ist unsere ganze Natur so mit der Bosheit und dem Verderben erfüllt, dass wir unausgesetzt aufs Neue sündigen und unsere Schuld vermehren, wodurch das Gewissen beständig gegen die Urteile des Gesetzes verstößt und von ihnen wie von Eisengittern und Schlössern gefesselt wird. Wohin wir uns auch wenden, werden wir stets „gefangen gehalten“.
Ein solches Gefängnis ist das Gesetz. So sagt der Apostel Gal. 3, 23: „Ehe denn der Glaube kam, wurden wir unter dem Gesetz verwahrt (bewacht) und verschlossen (eingeschlossen) auf den Glauben, der da sollte offenbart werden.“ Aber in dem Bild, dass das Gesetz ein Gefängnis ist, liegt nicht nur, dass wir unter demselben zum Tode verurteilte Gefangene sind, sondern wir werden dadurch auch an die Art der vom Gesetz bewirkten Frömmigkeit gemahnt. Luther redet davon in folgender Weise: „Des Gesetzes Amt ist, uns unter dem Gesetz zu verwahren gleich als in einem Kerker. Dies ist ein sehr feines Gleichnis, das anzeigt, was das Gesetz ausrichtet und wie fromm es die Leute macht. Kein Dieb, kein Mörder oder Räuber ist, der seinem Stock oder Kerker, darinnen er gefangen ist, hold sei; ja, wenn er könnte, machte er zu Aschen und Pulver beide, den Kerker und Stock, samt den Fesseln und Ketten. Zwar, weil er im Kerker ist, enthält er sich wohl, dass er nichts misshandelt; doch nicht aus gutem Willen oder aus Liebe zur Gerechtigkeit, sondern dass ihm der Stock und der Kerker solches wehrt. Er liebt dennoch im Herzen seine Dieberei und Schalkheit, ja, er trauert darüber, dass er nicht frei und unverhindert stehlen, rauben usw. darf. Den Kerker hasst er, und wenn er frei wäre, triebe er sein Handwerk nach wie vor. Das Gesetz verwahrt die Leute weltlich und geistlich innerhalb gewisser Schranken. Gleich also geht’s zu mit dem Vermögen des Gesetzes und seiner Gerechtigkeit, dass es uns zwingt, äußerlich fromm zu sein, weil es den Übertretern mit schwerer Strafe und Pein droht. Da sind wir dann dem Gesetz wohl gehorsam aus Furcht vor Strafe, aber von Herzen ungern und mit großer Beschwerung. Was ist das aber für eine Frömmigkeit, da einer Schalkheit und Böses aus Furcht vor Strafe unterlassen muss? Darum ist die Gerechtigkeit der Werke des Gesetzes, wenn man’s beim Lichte besehen will, nichts anderes, denn der Sünde von Herzen hold und der Gerechtigkeit feind sein, Gott mit Seinem Gesetze verfluchen und die ärgste Schalkheit für Heiligtum anbeten und ehren. Denn so sehr ein Dieb den Stock und Kerker, darinnen er gefangen ist, liebhat und der Dieberei feind ist, ebenso sehr und willig gern sind wir dem Gesetz untertan und tun, was es gebeut, und lassen, was es verbeut, wenn wir in demselben gefangen sind.“ — Soweit Luther.
Derart ist unsere Frömmigkeit unter dem Gesetz. Wie ganz anders wird es im Herzen, wenn ein im Gesetzeskerker ermüdeter, verdammter und verlegener Sünder mit einem Male alles geschenkt erhält, wenn alles das, woran er unter dem Gesetz arbeitete und was er sich selber suchte, ihm von einem anderen geschenkt wird und wenn er Gott den Herrn jetzt in einem ganz neuen Licht als einen liebevollen Vater sehen darf, der nur darauf wartet, uns Gutes tun zu können und uns deshalb auch in dieser Weise unter dem Gesetz ermüdete. Wenn ein Mensch versteht, dass alle Forderungen und Urteile des Gesetzes hauptsächlich den Zweck haben, uns zu ermüden und niederzuschlagen, damit wir das fruchtlose Bestreben aufgeben, mit eigener Gerechtigkeit vor Gott zu bestehen, weil Er sowohl Gerechtigkeit als auch Heiligung als freie Gabe geben will — wenn ein ermatteter Sünder dieses versteht und sich jetzt im Lichte des Geistes gänzlich von dem Gesetz befreit sieht, wenn er die große Liebe Gottes in Christus sieht und glaubt, dann empfängt er ein ganz neues Herz für Gott und für das Gesetz; dann wird der Hass in Liebe verwandelt; dann kann er Gott mit inniger Lust und Liebe dienen. Jetzt sagt er von Herzen: „Seine Gebote sind nicht schwer“; „ich habe Lust an Gottes Gesetz nach dem inwendigen Menschen.“ Jetzt ist das Gefängnis in einen Palast verwandelt. Und das bewirkt die Freiheit vom Gesetz. Jetzt lieben wir die Gebote und die Rechte des Herrn so sehr, dass jedes Straucheln ein Schmerz ist und wir uns von Herzen grämen würden, wenn jemand die heiligen Gebote umstoßen oder wegdeuteln wollte. Solches bewirkt der Geist, wenn man von den Drohungen und Urteilen des Gesetzes befreit und einer ewigen Gnade vergewissert wird.
Römerbrief

Kommt her, umsonst zu kaufen!
Das eig’ne Wollen, Laufen,
Begehren und Betreiben
Wird ohne Früchte bleiben.

Die Seligkeit der Armen
Liegt einzig im Erbarmen;
Das muss die Seelensachen
In allem richtig machen.




Diese Tagesandacht stammt aus dem „Täglichen Seelenbrot“ von Carl Olof Rosenius. Die Andachten des gesamten Jahres sind in Buchform hier erhältlich.


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