Zum 22. Oktober



Du Narr, was du säest, wird nicht lebendig, es sterbe denn … Gott aber gibt ihm einen Leib, wie Er will. - 1. Kor. 15, 36 und 38

Der Apostel will gleichsam sagen: Du Narr, der du einen Augenblick das für ungereimt und unmöglich ansehen kannst, was du doch täglich in einem viel weniger wichtigen Fall vor Augen hast, dass nämlich Gott die toten, trockenen Samenkörner gerade während ihres Verfaulens in der Erde fruchtbringend macht, so dass sie in neuen, lebendigen und schöneren Gestalten auferstehen. Kannst du nicht begreifen, dass Gott unseren begrabenen und vermoderten Leibern eine Auferstehung geben kann, während du doch siehst, dass Er die unbedeutenden Samenkörner des Weizens der Auferstehung würdigt? Du siehst in jedem Frühjahr die Auferstehung vor Augen. Du siehst, wie der Same, der im Herbst ganz trocken in die Erde gelegt wird, als weggeworfen, verfault und im Winter steinhart gefroren unter einem großen, dicken Leichentuch von Schnee und Eis daliegt, wie kalte, raue Winterstürme über das weite Grab dahinfahren und wie der Same während der langen Monate und der finsteren Nächte des Winters dir gleichsam als ganz verloren und weggeworfen erscheint. Aber wie geht es? Endlich erscheint der langersehnte Frühling, die Sonne breitet wieder ihre Strahlen aus, und durch ihre Wärme löst der Schöpfer das Leichentuch auf und gebietet den Toten aufzuerstehen. Jetzt steigen aus der Erde neue, lebendige und frische Gestalten grüner Halme zu Tausenden hervor, die dem Ackermann den ausgestreuten Samen später vielfältig wiedergeben.
Das hat Gott vor aller Menschen Augen hingestellt, und kein Mensch wundert sich mehr darüber, nur weil wir es alljährlich neu sehen. Wahrlich, wären wir nicht von unserer Geburt an in der Gewohnheit herangewachsen, zu sehen, wie dieser trockene Same im Frühling wieder aufersteht, dann würden wir wohl auch dies höchst verwunderlich und unglaublich finden. Jetzt dagegen ist man durch die alte Gewohnheit kaum imstande zu bedenken, dass es ein Wunderwerk ist. Man sagt nur: „Es wächst“, und man bedenkt nicht, dass dieses Wachsen doch ein eigentliches Werk unseres Schöpfers ist, da die Welt mit aller ihrer Kunst keinen einzigen Strohhalm hervorzubringen vermag. Das Emporkommen der Saat aus der Erde ist eine solche Schöpfung, die ihren Keim in demselben Samenkorn hat, das in der Erde verfaulte — ist also eine Auferstehung der Toten.
Nun, die Welt kann solches nicht tun, es ist das eigene Werk des Schöpfers. Derselbe Gott offenbart uns jetzt, dass Er in gleicher Weise mit unseren Leibern handeln wird. Er wird sie in die Erde begraben; und sie werden in ihr vergehen. Eines Tages will Er sie aber wieder auferstehen lassen, wenn nämlich der große Sommer der Ewigkeit naht und „die Sonne der Gerechtigkeit und Heil unter ihren Flügeln“ wieder über uns aufgeht. — Dieser allmächtige Gott sagt uns, dass Er dann unseren toten Leibern befehlen wird aufzuerstehen. Und wir finden es ungereimt und unmöglich. Verdienen darum nicht auch wir die Anrede „Du Narr“? Bedenke nochmals: Während wir sehen können, dass die unbedeutenden Samenkörner der Früchte unserer Felder auferstehen, denken wir trotzdem, dass die großen und kostbaren, so wunderbar erschaffenen und so teuer erkauften Samenkörner, unsere Leiber — die so hoch geehrt sind, dass Gottes eigener Sohn einen Menschenleib annahm — nicht die Ehre wie der Weizen und der Roggen haben würden aufzuerstehen! Und warum? Nur darum, weil unsere arme Vernunft nicht begreift, wie es möglich ist, dass der Allmächtige tun kann, was Er gesagt hat. Verdienen wir nicht, Narren genannt zu werden?
Die eigentliche und große Torheit aber besteht darin, dass wir weder stillhalten noch bedenken, dass es sich dabei um ein neues, großes Schöpfungswerk des allmächtigen Gottes handelt, wie der Apostel hier bemerkt: „Gott gibt ihm einen Leib, wie Er will.“ — Gott, nicht du, o Mensch, nicht das Samenkorn, sondern Gott, der Schöpfer, der einst die ganze Erde und alle Weltkörper aus nichts erschuf, von Ihm ist hier die Rede, du Narr! „Gott gibt ihm einen Leib, wie Er will.“ Es hängt nur von Seinem freien Belieben ab. Was ist dem allmächtigen Schöpfer leichter, als das zu tun, was Er will? Aber seht hier, wie wir ganz unbemerkt zu Narren werden, wenn wir Gott, Seine Macht und Seine Worte verachten! Wir merken es kaum, bevor wir in geistlichen Sachen so blind sind, dass die ersten Begriffe von Gott, die selbst die Heiden schon durch die Betrachtung der Schöpfung besitzen, uns genommen sind, so dass wir uns wundern, wie dieses oder jenes möglich sei, während wir doch von dem allmächtigen Gott reden. Wir sollen uns vor dem Strafgericht der Verblendung fürchten. Gott ist groß und heilig. Wer sich nicht demütig unter Seine Wahrheit und Macht beugen will, den verblendet Er. „Gott macht die Weisheit dieser Welt zur Torheit.“ „Da sie sich für weise hielten, sind sie zu Narren geworden“, wirklich zu Narren, die jetzt das, was wir sonst vor Augen sehen, leugnen, dass Gott nämlich mit Leichtigkeit alles tun kann, was Er will.
II/625

Das Korn, das im Herbste wir säen,
Wird nicht im Winter zunichte;
Wenn Lenzeshauche darauf wehen,
Dann ruft der Herr es zum Lichte.
Wenn einstmals die Erdpfeiler beben,
Die Himmelsposaune ertönet,
Die Erde ihr Pfand dann muss geben,
Veredelt, erneut und verschönet.