Zum 08. Juli



Welchen der Herr liebhat, den züchtigt Er. - Hebr. 12, 6

Der Herr Christus spricht: „Eine jegliche Rebe, die da Frucht bringt, wird Er reinigen, dass sie mehr Frucht bringe.“ Hieraus sehen wir, dass die Menschen, die der Herr anerkennt und die Er gute, fruchtbringende Reben nennt, in sich doch nicht ganz rein sind. Viele Christen vermengen dies, indem sie meinen, dass das Fruchtbringen die Reinheit von allem Bösen enthalte. Es sind dies aber zwei verschiedene Eigenschaften. Ein guter Ast, der edle Früchte in reichem Maße bringt, kann zugleich auch dürre oder wilde Zweige haben, die nur Saft ziehen und darum weggenommen werden müssen. Ebenso kann auch ein Christ lebendig, treu, reich an Liebe und an allen Geistesfrüchten sein und daneben nicht nur seinen Teil an dem allgemeinen Sündenverderben haben, sondern auch mit einem ärgerlichen Fehler behaftet sein, einer Unart, die unausgesetzt gekreuzigt und getötet werden muss, die ihm aber trotzdem beständig bis zu einem gewissen Grade folgt. Dennoch ist er ein ganz anderer als diese unechten Reben, die nicht Frucht bringen. Mancher Naturmensch kann weniger fehlerhaft sein, d. h. eine angenehmere Natur haben, die zu gleicher Zeit aber doch tot und unfruchtbar ist. Beachte darum! Dass du nicht ganz rein von Sünden und Unarten bist, sondern täglich unter ihnen leiden musst, das wird dich nicht verdammen, solange du noch in Verbindung mit dem Heiland bist. Du merkst auch, dass du durch diese Verbindung zugleich trotz aller deiner Gebrechlichkeit die auszeichnenden Früchte hast, obwohl du mit deinen Früchten nie zufrieden sein kannst. Bist du aber mit Christus vereinigt, so bist du dennoch eine „neue Kreatur“.
Doch was tut der himmlische Weingärtner mit den Reben, die Frucht bringen? Der Herr spricht: „Eine jegliche Rebe an Mir, die da Frucht bringt, wird Er reinigen, dass sie mehr Frucht bringe.“ Beachte! „Die reinigt Er.“ Das ist ein ganz kurzes Wort, aber inhaltsschwer in seiner Bedeutung. Die gute Rebe reinigt Er. Die Rebe, die nicht Frucht bringt, wird nicht gereinigt, sie darf frei wachsen, wie sie will; denn sie soll nur brennen. Diejenige aber, die Frucht bringt, soll gepflegt werden, und die reinigt Er. Wie geschieht das? Jesu Bild (Joh. 15) ist sehr lehrreich. Er spricht davon, wie ein Weingärtner seine Reben am Weinstock reinigt. Das geschieht nicht mit Wasser, sondern mit einem Messer und einem Schaber, mit denen dürre Reiser, Moos, überflüssige Reben und Blätter, die die Fruchtbarkeit der guten Reben hindern, entfernt werden. Damit ist das sehr treffend bezeichnet, was die Gläubigen erfahren. Fühlen wir nicht oft dieses Messer des Weingärtners? Fühlen wir nicht unter dem Hören des Wortes, wie dieses zweischneidige Schwert in unser Inneres schneidet und wie es vor allem die Unarten und Gebrechen angreift, die uns am meisten ankleben? Oder wenn wir im Werke des Herrn saumselig und kalt und ungehorsam gegen Ihn gewesen sind, werden wir dann nicht inwendig durch Bestrafungen des Geistes geschabt? Es ist der zärtliche Weingärtner, der in Seinem Garten umherwandelt und bewirkt, dass wir beständig inwendig bestraft werden. „Es züchtigen mich auch meine Nieren des Nachts“, sagt David.
Wo der Heilige Geist wohnt, da kann es nicht anders sein. Er wird Unreinheiten in uns finden und diese dann angreifen und strafen. Was nun aber durch diese inneren Bestrafungen, durch das Wort nicht ausgerichtet wird, das tut der treue Herr durch äußerliche Ruten und Plagen, durch Sorgen und Widerwärtigkeiten oder, wie Petrus sagt, „durch mancherlei Anfechtungen, wo es sein soll“. Kurz: Ein Kind des Himmels soll gereinigt werden. Der Apostel sagt: „Welchen der Herr liebhat, den züchtigt Er; Er stäupet aber einen jeglichen Sohn, den Er aufnimmt. Seid ihr aber ohne Züchtigung, welcher sie alle teilhaftig geworden sind, so seid ihr Bastarde und nicht Kinder. Alle Züchtigung aber, wenn sie da ist, dünkt sie uns nicht Freude, sondern Traurigkeit zu sein; aber danach wird sie geben eine friedsame Frucht der Gerechtigkeit denen, die dadurch geübt sind.“
Beachte, das ist der Zweck! Er plagt die Menschen nicht „von Herzen“, sondern nur, „wo es sein soll“. Christus spricht: „Er reinigt die gute Rebe, dass sie mehr Frucht bringe.“ Er will, dass eine edle Rebe, die gute Frucht bringt, noch mehr Frucht bringen und herrlicher werden soll. Und — Gott sei Lob! — wir sehen ja, dass dies durch die Zucht ausgerichtet wird. Sahen wir nicht hier und dort einen ganz erleuchteten und rechtschaffenen Christen, bei dem wir mit Betrübnis eine gewisse Nachlässigkeit und geistliche Unfruchtbarkeit bemerkten? Unvermutet sahen wir ihn dann von einer tieferen Sorge oder einem größeren Unglück oder von einer schweren inwendigen Anfechtung betroffen, so dass wir darüber erschraken. Als er aber aus dem Ofen der Trübsal hervorkam, war er ein ganz anderer, ein ernsterer und in allen guten Werken fruchtbarerer Christ. Und fühlen wir es nicht alle, die wir in der Pflege des Herrn stehen? Sobald eine größere Eitelkeit, Eigenliebe oder dergleichen uns einzunehmen angefangen hat, haben wir eine neue Trübsal, die uns wieder zur Besinnung bringt. Wenn der Herr dann unser Herz wieder getröstet hat, befinden wir uns wie nach einem erfrischenden Bad und beginnen mit neuem Fleiß, den Weg Seiner Gebote zu laufen. Der Herr hat einen heiligen Liebeseifer um die Seelen, die Er für den Himmel bereitet. Und eben darum will Er sie mehr rein und fruchtbringend haben.
IV/49

Deine Zucht will ich nicht fliehen
Näh’r zu Dir soll sie mich ziehen,
Da sie mir so dienlich ist.
Scheint sie mir gleich lauter Mühe,
Treibt sie mich doch spät und frühe
Nur zu Dir, Herr Jesu Christ.




Diese Tagesandacht stammt aus dem „Täglichen Seelenbrot“ von Carl Olof Rosenius. Die Andachten des gesamten Jahres sind in Buchform hier erhältlich.


Andachten anderer Tage: Heute, Gestern, Vorgestern